Psychologie: kommt Burnout von zu viel Arbeit?

 

Fängt jetzt ein kleiner, hessischer Heilpraktiker mal wieder zum Klugscheißen an?

 

Dass das Burnout-Syndrom von zu viel Arbeit kommt, liegt doch auf der Hand! Wenn sich der Arzt einmal dazu überwinden kann, Burnout zu diagnostizieren, liegt der Fall klar: der Betroffene ist überfordert. Er ist überarbeitet. Thema gegessen!

 

Nun hängt es davon ab, wie sozial ein Betrieb ist. Es gibt nur wenige Betriebe, die wirklich freundlich zu ihren Arbeitnehmern sind. Die umfangreiche Reha-Maßnahmen ermöglichen und den Arbeitnehmer wo es nur geht unterstützen. Selbst ich bekomme dies in meiner kleinen  Naturheilpraxis immer wieder zu hören: „der Chef will, dass ich schon wieder voll arbeite!“ Oder: „nachdem ich jetzt sechs Wochen wegen Burnout-Syndrom krankgeschrieben war, droht mein Betrieb mir mit Kündigung!“

 

Das Verhältnis ist grob geschätzte zehn zu eins: auf einen Betrieb, der den Arbeitnehmer nicht hängen lässt, kommen zehn, die den Angestellten noch Knüppel zwischen die Beine werfen.

 

Aber dies möchte ich nicht zu weit führen.

 

Viel interessanter ist die Frage: ist der Betroffene objektiv überarbeitet?

 

Was ich jetzt sage, soll dem Arbeitgeber keineswegs die Pflicht nehmen. Es sind vielmehr Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich über die Jahre mit Burnout-Patienten gewonnen habe:

 

  • Überlastung und ein zu viel arbeiten lässt sich nicht objektiv messen. Die Energie zur Arbeit ist von Person zu Person verschieden.
  • Es mag ein wenig rassistisch klingen: aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass Osteuropäer im Allgemeinen stabiler sind als Deutsche.
  • Es spielt eine Rolle, ob der Betroffene überwiegend körperlich arbeitet oder überwiegend geistig und dieses auch noch im Sitzen.
  • Personen, die überwiegend oder ausschließlich im Sitzen arbeiten, sind meiner Beobachtung nach wesentlich anfälliger für Burnout als solche, die sich dabei bewegen.
  • Die Strahlenbelastung (technische Strahlung) und die Luftqualität in Großraumbüros scheinen eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen.
  • Wer häufig oder täglich mit Chemikalien zu tun hat, hat nicht nur das erhöhte Risiko einer organischen Krankheit, sondern ist auch um ein Vielfaches anfälliger für Burnout-Syndrom. Übrigens auch für organmanifeste Erschöpfungskrankheiten wie chronisches Erschöpfungssyndrom, Fibromyalgie etc.
  • Jüngere Personen sind anfälliger für Burnout-Syndrom als ältere (!)
  • Überraschend: Patienten, die immer mal wieder Schmerzen haben und Schmerzmittel einnehmen, haben relativ ein höheres Risiko für Burnout-Syndrom als solche, die dies nicht tun.
  • Eintönige Tätigkeiten ziehen ein höheres Risiko für Burnout nach sich als geistig anspruchsvolle Tätigkeiten.
  • 7-8 von zehn Patienten mit einem Burnout-Syndrom sind bereits mit einer organischen, chronischen Erkrankung diagnostiziert.

 

Fasst man all diese Faktoren zusammen, stellt man sehr schnell fest, dass die Faktoren für Burnout nicht objektivierbar sind. Sie sind es erst recht nicht, wenn man die Situation beispielsweise vor einem halben Jahrhundert als Referenz hernimmt. Es scheint mit dem Burnout-Syndrom nicht anders zu sein als mit vielen organischen Erkrankungen: Sie werden auf ein- und dieselbe Ursache geschoben. Bei organischen Krankheiten sind es meist die Gene oder bestenfalls die Ernährung und einige wenige Umweltfaktoren, beim Burnout ist es die „Überarbeitung“.

 

Ich möchte sogar noch weiter gehen und das Burnout-Syndrom psychosomatisch klassifizieren

 

Oder sollte ich vielleicht sagen: somato-psychisch? Ich glaube, dass gerade wir „Bio-Deutschen“ in der heutigen Zeit, in der es wirtschaftlich und sozial in jedem Fall enger wird, mit diesem Problem ein Konflikt haben: es ist der gute alte Geben-Nehmen-Konflikt. Ich möchte Ihnen dies anhand der Punkte, die ich oben festgestellt habe, herleiten:

 

Es besteht eine unterschiedliche Sensibilität für Überarbeitung: jede Person stellt andere Erwartungen an das Leben. Es gibt nichts zu beschönigen: einige Personen haben heute viel zu hohe Erwartungen an das Leben. Aber das trifft nur auf eine Minderheit zu. Die meisten schätzen sich und ihren Wert durchaus realistisch ein. Nur, dass häufig nicht einmal dieser Wert einen angemessenen Gegenwert findet (man denke besonders an Pflegeberufe).

 

  • Unserer osteuropäischen Mitbürger kommen aus bei weitem nicht so gut ausgebauten Sozialsystemen wie wir Deutsche. Dadurch sind die Ansprüche niedriger, die Motivation im Gegenteil aber höher.
  • In unserer Arbeitshierarchie werden geistige Tätigkeiten höher entlohnt als körperlich. Daher gehen Geistesarbeiter auch mit anderen Erwartungen an ihre Arbeit als Körperarbeiter.
  • Das gesagte gilt genauso für Sitzen gegenüber körperlich Arbeiten.
  • In Großraumbüros bildet sich eine Art Bewusstseinsfeld aus: das hektische Betriebsklima, eventuell eine unterschwellige Konkurrenz mischen sich mit den Erwartungshaltungen der darin arbeitenden Personen.
  • Der womöglich ungefilterte Kontakt zu Chemikalien steht symbolisch für einen mangelnden Schutz des Arbeitenden in der psychosomatischen Medizin. Dies erlebt der Betroffene durchaus nicht immer unbewusst.
  • Jüngere Personen haben meiner Beobachtung nach höhere Erwartungen an ihre Arbeit im Speziellen und an das Leben im allgemeinen als ältere.
  • In der psychosomatischen Medizin stehen Schmerzen im allgemeinen für Widerstand. „Sich nicht im Fluss des Lebens befinden“ oder sich diesem Fluss nicht hingeben beschreibt es meiner Meinung nach am besten. Wer also immer wieder Schmerzen hat und dementsprechend auch immer wieder Schmerzmittel nimmt, trägt langfristig das Thema einer inneren Spannung bzw. Anspannung.
  • Eintönige Tätigkeiten fördern die Ablenkung. Ablenkung geht zulasten erstens der Konzentration und zweitens der Produktivität. Drittens fehlt mit der Zeit auch die nötige Inspiration. Alle drei Faktoren sind wichtig, um „effizient“ zu arbeiten. Effizienz bedeutet auch, nach 8 Stunden ausreichend Energie für Familie, Hobbys bzw. Freizeit zur Verfügung zu haben.

 

Um nicht missverstanden zu werden: Burnout ist auch eine organische Angelegenheit!

 

Mit diesen Punkten will ich keineswegs sagen, dass das Burnout-Syndrom eine rein psychosomatische Krankheit ist. Ich will damit nahe legen, wie subtil Geist und Körper miteinander in Wechselwirkung treten. Das Wort „psychosomatisch“ legt eine Entwicklung vom Geist zum Körper nahe. Doch die Wechselwirkungen zwischen Geist und Körper sind keine Einbahnstraße! Insofern ist das Burnout-Syndrom genauso „somato-psychisch“ wie „psychosomatisch“.

 

Es ist nicht quantifizierbar, nicht objektiv messbar, nicht anhand eines festgelegten Ursachenkatalogs festzumachen. Und das ist eine Gemeinsamkeit, die das Burnout-Syndrom nicht nur mit anderen funktionellen Beschwerden infolge von Stress, sondern mit allen Krankheiten verbindet:

 

Das Burnout-Syndrom steht stellvertretend für das Dilemma der heutigen Zeit:

 

Erstens schert man sich zu wenig um die Wechselwirkungen zwischen Geist / Psyche und Körper, die in beide Richtungen verlaufen können.

 

Zweitens versucht man die Ursachen für das Burnout-Syndrom genauso wie für fast alle funktionellen und organischen Krankheiten über einen Kamm zu scheren.

 

In meiner Naturheilpraxis möchte ich diesen Gebaren entschieden entgegentreten. Wir haben nicht „ein Burnout-Syndrom“, „einen Reizdarm“, „eine Fibromyalgie“ usw. vor uns, sondern immer eine individuelle Person, die mit einem bestimmten Symptombild aber ihren individuellen Problemen in die Praxis kommt!

 

In diesem Sinne sollten wir uns auch von dem Klischee, Burnout sei immer Überarbeitung, trennen!

 

Tipp: erfahren Sie mehr zum Thema Burnout in meinem „Ratgeber chronische Erschöpfung

 

Quellen: eigene Erfahrungen

 

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