Orthorexie: wenn gesunde Ernährung eine ungesunde Angewohnheit wird

 

Orthorexie - ist gesundes Essen eine Krankheit?

 

„Gesundes Essen hält gesund“: größtenteils richtig. „Gesundes Essen macht gesund“: das stimmt nur teilweise. Gesundes Essen kann viele Krankheiten und gesundheitlicher Probleme lindern - aber nicht alle heilen. „Man kann sich gar nicht gesund genug ernähren!“: Das ist falsch. Und - mit dieser Einstellung ist vor einigen Jahren eine neue „Krankheit“ entstanden: die Orthorexie.

 

Orthorexie wurde vom Begriff Anorexie abgeleitet: Anorexie ist ein anderer Begriff für Magersucht. Orthorexie ist eine wissenschaftliche Begriff dafür, sich zwanghaft gesund ernähren zu müssen.

 

Von Orthorexie spricht man dann, wenn gesunde Ernährung zum Selbstzweck wird. Wenn die Ernährung nicht mehr dem Menschen dient, sondern der Mensch der Ernährung. Wenn alles, was mit dem Thema Ernährung zu tun hat, zum Kult wird.

 

Welcher gedankliche Werdegang steckt hinter einer Orthorexie?

 

Um das Thema Orthorexie genauso zu verstehen wie die Menschen, die darunter leiden (oder sollten wir es neutraler formulieren: sich damit beschäftigen?) müssen wir verstehen lernen, woher der Verstand die quasi zwanghafte Notwendigkeit für eine sehr gesunde Ernährung ableitet. Da ich mich viele Jahre mit Umweltmedizin und auch einige Zeit mit Psychologie beschäftigt habe, fällt mir das relativ leicht.

 

Verstandesbetonte Menschen, vor allen Dingen aber Frauen, beobachten ihre Umwelt und vor allen Dingen die Menschen, die sie umgeben, sehr genau. Sie sehen, dass immer mehr Menschen an chronischen Krankheiten leiden. Sie sehen nicht nur die Essgewohnheiten dieser Menschen, sondern auch die „Verführung“, die vom Angebot der Supermärkte ausgeht. Daraus ziehen Sie den Schluss, dass die (abnehmende) Qualität der Ernährung schuld ist am desolaten Gesundheitszustand der Mitmenschen.

 

Hinzu kommt die (durchaus sinnvolle) Angst vor Krankheit und Schmerz. Daraus ergibt sich sozusagen ein evolutionärer Impuls, sich gesund zu ernähren.

 

Orthorexie: wenn gesunde Ernährung über das Ziel hinaus schießt…

 

Dieser Entwicklung alleine führt jedoch noch nicht zu Orthorexie. Hier spielt noch ein weiterer Faktor eine Rolle: das vielfältige Informationsangebot zum Thema Ernährung. Dieses wiederum hat positive und negative Aspekte. Auf der positiven Seite stehen viele verschiedene Erklärungsansätze, die alle mehr oder weniger von den Standard-Empfehlungen abweichen.

 

Das ist insofern positiv, als dass wir Menschen eben nicht alle gleich sind und mit unterschiedlichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Dieser Entwicklung trägt die Entwicklung vieler verschiedener Diät-Ansätze Rechnung.

 

Die Gefahr dahinter: viele verschiedene Ernährungslehre machen den Eindruck, dass sie Menschen umso gesünder werden, je extremer und einseitiger sie sich ernähren. Ein klassisches Beispiel ist die „vegane Rohkost“. An sich ist weder gegen Veganismus, noch gegen Rohkost irgendetwas zu sagen. Sie haben alle ihre Zeit und ihren Platz bei bestimmten Krankheiten und ernährungsbedingten Zuständen.

 

Problematisch wird es jedoch dann, wenn man solche einseitigen und extremen Ernährungsempfehlungen auf alle überträgt. Der oben genannte klassische Verstandesmensch fühlt sich durch diese Empfehlungen angesprochen und stellt die Ernährung auf „extrem gesund“. Fertig ist die Orthorexie!

 

Orthorexie: gesellschaftliche Akzeptanz und Missverständnisse…

 

Sobald es um den psychologischen Hintergrund der Orthorexie geht, wird es noch komplizierter. Denn: essen müssen wir schließlich alle. Gesundes Essen hat eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Personen, die Orthorexie haben, finden sich in einer interessanten psychologischen Grauzone wieder: Sie sehen ihr Verhältnis zum Essen gar nicht als krankhaft an, sondern sie sehen das Verhältnis der anderen zum Essen als nicht gesund an, was es ja eigentlich auch ist! Es gibt nämlich mehr als genug Menschen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes krank essen.

 

Es ist also durchaus legitim, die „wer hat recht?“-Frage zu stellen.

 

Es geht aber tatsächlich zwei Hinweise darauf, dass die Orthorexie wirklich krankhaft ist:

 

·       Die ganze Existenz scheint sich immer mehr um gesundes Essen zu drehen. Zum Beispiel, indem man stundenlang in Internetforen zubringt und mit gleich gesinnten über das optimale Essen diskutiert und gleichzeitig im realen Leben sehr viel Zeitaufwand betreibt, um sowohl sein Essen als auch sein Essverhalten zu optimieren

 

·       die Motivation „durchzuhalten“ zieht sich immer mehr aus der Angst vor Krankheit. Diese Angst vor Krankheit kann tatsächlich so panisch werden, dass sie große Teile des Lebens zu bestimmen beginnt.

 

Sollten diese beiden Punkte zutreffen und das Essverhalten zusätzlich noch in einem Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber anderen Personen resultieren, wird Orthorexie in der Tat krankhaft.

 

Orthorexie: kann man von gesundem Essen auch objektiv krank werden?

 

Zunächst einmal: keine noch so gesunde Ernährung kann Krankheit vollständig und zu 100 % vermeiden. Es funktioniert ganz einfach nicht. Aber das ist nicht das eigentlich entscheidende. Menschen mit einer Orthorexie können von ihrer gesunden Ernährung objektiv sogar richtig, körperlich krank werden! Dies bezieht sich nicht nur auf die Einseitigkeit des Essverhaltens, sondern auch darauf, wie der Körper und der Stoffwechsel auf bestimmte Dinge reagieren. Hier einige Beispiele:

 

·       Menschen mit Orthorexie ernähren sich häufig extrem fettarm. Nahrungsfette werden jedoch benötigt, um Zellstrukturen, Hormone und den Schutz der Schleimhäute aufzubauen.

 

·       Wer viel oder ausschließlich Rohkost verzehrt, zwingt den Darm und insbesondere die Darmflora in einer Art Anpassungsverhalten. Durch die verstärkte Zufuhr von Ballaststoffen kommt es zu Beginn zu einer stärkeren Reizung der Darmschleimhaut, später zu einer Erschaffung. Dadurch kann der Elektrolythaushalt durcheinander kommen.

 

·       Verschiedene Menschen haben einen unterschiedlichen Eiweißbedarf. Das nicht nur mit den Faktor Bewegung zusammen, sondern auch mit den Stoffwechsel. Zwar ist es in der Tat so, dass der moderne Büromensch tatsächlich mit einer überwiegend vegetarischen Ernährung am besten bedient ist. Um sich vollständig vegan oder gar ausschließlich mit Rohkost zu ernähren, bedarf es jedoch einer großen Logistik. Nur selten kommt man ohne Nahrungsergänzungsmittel aus.

 

·       Die optimalen Maßnahmen für die Gesundheit leiten sich aus den Stoffwechsel und eventuell Krankheiten ab. Es gibt keine zwei Personen, die vollständig gleich sind. Einseitigkeiten des Stoffwechsels in eine Richtung über vorübergehende Einseitigkeiten der Ernährung in eine andere Richtung ausgeglichen (beispielsweise Eiweißspeicherkrankheiten über eine überwiegend pflanzliche und eiweißarme Ernährung). Ist das gesundheitliche- bzw. Stoffwechselproblem gelöst, ist eine einseitige Ernährung nicht mehr notwendig. Wird die Ernährung jedoch wie bei der Orthorexie zum Selbstzweck, stellen sich mit der Zeit Einseitigkeiten in eine gegenteilige Richtung ein. Diese wiederum führen ihrerseits wieder zu Krankheiten. Diese Entwicklung kann allerdings Jahre dauern, was die Orthorexie so heimtückisch macht!

 

Das Fazit aus diesen Überlegungen: ja, Orthorexie kann tatsächlich krank machen. Und zwar ganz objektiv.

 

Was ist die beste Hilfe bei Orthorexie?

 

Geeignete Hilfsmaßnahmen bei Orthorexie fußen auf zwei Argumenten: das erste Argument ist, den Betroffenen klarzumachen, dass alle Gesundheitszustände im Verhältnis zu Ernährung und zur Umwelt relativ sind. Es existieren gerade in Bezug auf das Thema Ernährung keine absoluten Wahrheiten.

 

Das zweite Argument ist, den Betroffenen die Angst zu nehmen. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Rational gesehen bevorzuge ich folgende Variante: Angst führt im Körper zu einem Stresszustand. Chronische Stresszustände jedoch machen krank - langfristig und sicher, im übrigen auch ziemlich unabhängig vom Thema Ernährung!

 

Es gibt sicherlich viele sinnvolle psychologische und psychotherapeutische Ansätze, Patienten ihre Angst zu nehmen. Meine persönliche Meinung ist es, den Patienten ihre Angst bewusst zu machen und gleichzeitig die Themen Ernährung und Gesundheit in Relation zu allen übrigen Lebensthemen - Arbeit, Beziehungen, Freundschaft - zu setzen.

 

Mein Fazit: es ist wichtig, sich mit dem Thema gesunde Ernährung auseinander zusetzen. Es ist sogar wichtiger als in allen Zeiten zuvor. Doch das Thema gesunde Ernährung darf nicht zum Selbstzweck werden. Wenn eine womöglich extremer und einseitige Ernährung zum alles bestimmenden Lebensthema wird und man darunter Freunde, Freizeit, Beziehungen und eventuell sogar die Arbeit vernachlässigt, wird das Thema „gesunde Ernährung“ krankhaft. In diesem Falle spricht man von Orthorexie - und dieser Zustand ist kein gesunder Zustand!

 

Quellen:

 

http://www.taz.de/!5199053/ 

https://www.watson.de/leben/wissen/553172565-wenn-gesundes-essen-krank-macht-charlotte-leidet-an-orthorexie 

https://lebenshungrig.de/ursache-wirkung-essstoerung-bulimie-magersucht-diaeten/was-ist-orthorexie/

 

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