Vier Möglichkeiten, wie sich eine Erkältung "chronifizieren" kann

„Eine Erkältung kommt drei Tage, hält drei Tage, geht drei Tage“, oder: „Unbehandelt dauert eine Erkältung eine Woche, behandelt man sie, so dauert sie sieben Tage“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie mit diesen Sprüchen vertraut sind.

 

Das Problem ist nur: sie stimmen nicht (mehr).

 

Ein Blick zurück in die Vergangenheit…

 

Wenn ich im „Kent“ (einer homöopathischen Materia medica) lese, findet man bei den Charakteristiken der Arzneimittel durchaus öfter chronische Verläufe von Infektionskrankheiten. Nur: dabei handelt es sich grundsätzlich um Krankheiten, die lebensgefährlich sind, wie beispielsweise Cholera und (besonders) Typhus. Gerade Typhus war in der Kent’schen Zeit (etwa um 1890 bis 1910) eine Krankheit, die gerne chronisch wurde. Einige Mittel, unter anderem Chininum arsenicosum, beschäftigten sich mit den Folgeerscheinungen von Malaria. Das Mittel hat die Komponenten China, eines der Hauptmittel bei Malaria, sowie Arsenicum album, ein großes Mittel mit vielen Symptomen der Chronifizierung und des Kräfteverfalls (Kachexie).

 

Reisen wir noch weiter in die Vergangenheit, etwa ins ausgehende Mittelalter, haben wir es z.B. Mitte des 14. Jahrhunderts mit einer hochdramatischen Infektion zu tun, der Pest, die sich als Bubonen- sowie als Lungenpest manifestierte. Sie tötete, wenn man zeitgenössischen Schriften Glauben schenkt, binnen 5 (Bubonen-) bzw. 3 Tagen (Lungenpest). Chronische Zustände finden wir dann indes kaum…

 

Eine Erkältung ist ein „Katarrh“ – ein reinigender Prozess

 

Zurück ins 21. Jahrhundert. Die großen, dramatischen Infektionen spielen zumindest hier in der westlichen Hemisphäre keine Rolle mehr. Stattdessen sehen wir uns mit einer nahezu unübersichtlichen Fülle chronischer degenerativer sowie entzündlicher Erkrankungen konfrontiert, so dass die Medizin „nie aufhört, zu forschen“ – auch wenn die Ergebnisse dieser Forschungen nur selten an die Wurzel des Übels herangehen.

 

Mittlerweile sind einige Therapeuten, Mediziner und Forscher der Auffassung, dass es langfristig sogar gesünder ist, immer mal wieder eine Erkältung zu haben. Wir arbeiten in der Naturheilkunde schon sehr lange mit dieser Erkenntnis und ich wundere mich auch schon lange nicht mehr, wenn bei einem Patienten mit einer chronischen Erkrankung nach der Behandlung erst einmal „tüchtig die Nase zu laufen anfängt“, etwas, „was der Patient schon seit Jahren nicht mehr hatte“. Dabei, oh Wunder, verringert sich fast immer die Intensität der Symptome des chronischen Leidens.

 

Ich hatte selbst von kurz nach Weihnachten bis weit in den Januar hinein eine lange Erkältung, und dieses mit einer simplen Erklärung: denn 2017 war so stressig für mich, dass ich für eine Erkältung gar keine Zeit hatte! Und so sind denn auch mit meiner „Erkältung 2017 / 2018“ einige (wenn auch nur leichte) Symptome, die sich bei mir über das Stressjahr angesammelt hatten, wieder verschwunden.

 

Wie eine Erkältung chronisch werden kann…

 

Aber unter den Einflüssen unserer modernen Lebensweise und ohne Backup durch die Naturheilkunde kann sich die Situation, wie eben geschildert, auch mal umkehren. Dann beginnt eine „Krankenkarriere“ mit einem simplen Schnupfen, steigert sich dann allerdings zu einem hartnäckigen, chronischen Leiden.

 

Bis vor Kurzem sprach man in solchen Fällen noch von Abwehrschwäche, mittlerweile aber können wir dies geschickter und immer noch allgemeinverständlich formulieren.

 

Wer ein bisschen medizinisch bewandert ist, wird gleich auftrumpfen: Klar, eine Erkältung kann sich unter ungünstigen Umständen in eine chronische Bronchitis hinein entwickeln. Das ist die offensichtlichste und für normale Menschen auch am leichtesten nachvollziehbare Variante, aber nicht die einzige, wie wir gleich sehen werden.

 

       1. Die chronische Bronchitis

 

Eine Erkältung kann sich sozusagen nach unten „vorarbeiten“. Das geschieht aber nicht zufällig, sondern nur bei gewissen Vorbelastungen. Rauchen ist natürlich die wichtigste, aber beileibe nicht die einzige. Auch aufgrund einer arbeitsmedizinischen Belastung kann sich nach einer Erkältung eine Bronchitis einstellen: Abgase, Feinstaub, Aerosole von Lösungsmitteln, Asbest, Kunststoff, Desinfektionsmittel und so weiter. Aus Lebensmittelfabriken vor allem in den USA kennt man die „Popcorn-Lunge“ durch den Stoff „Diacetyl“. Auch vor E-Zigaretten wird gewarnt. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass E-Zigaretten zwar absolut gesehen schädlich, jedoch nicht so schädlich wie „richtiges“ Rauchen sind.

 

        2. Die chronische Sinusitis

 

Die chronische Nebenhöhlenentzündung ist ein Startpunkt für so manche Karriere mit Atopie oder Autoimmunerkrankungen. Ich bin selbst, was das angeht, „leidgeprüft“. Besonders medizinische Eingriffe bei Kindern, die mit Infekten beginnen, werden problematisch. Durch die Veränderungen der Darmflora beim Einsatz von Antibiotika und durch die nicht bereinigte immunologische Situation beim Einsatz von fiebersenkenden Substanzen wird das Immunsystem erheblich geschwächt, es bilden sich chronische Situationen an den oberen Atemwegen aus. Die chronische Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis) gehört ebenso dazu wie die chronische Mandelentzündung (Tonsillitis). Wird hier nicht frühzeitig saniert, bildet sich je nach Konstellation des Immunsystems entweder eine Atopie (Neurodermitis, Asthma, Allergien) aus, oder es kommt zu einer „Autoimmunkarriere“.

 

Kommen wir jetzt zu zwei weniger offensichtlichen Zuständen, die ich schon nach einer Erkältung beobachtet habe…

 

                        3. Reizdarmsyndrom

 

Reizdarmsyndrom nach einer Erkältung? Wie soll das denn funktionieren?

 

Nein, Sie haben richtig gelesen: tatsächlich kann sich ein Reizdarmsyndrom nach einer Erkältung einstellen. Nach einer einfachen Erkältung, wohlgemerkt! Es kommt zwar relativ selten vor, aber nicht so selten, dass es mir in mittlerweile beinahe 17 Praxisjahren nicht aufgefallen wäre.

 

Zunächst einmal gibt es grundsätzlich Menschen, deren Verdauungskanal sensibel auf Virusinfekte aller Art reagiert. Sie reagieren bei einer Erkältung grundsätzlich mit Übelkeit, einem flauen Gefühl im Magen, eventuell mit Durchfall, Blähungen und Verdauungsstörungen. Jedoch kann ich von einer zweistelligen Anzahl von Patienten berichten, bei denen sich ein chronisches Reizdarmsyndrom aufgrund einer akuten Erkältung ohne Verdauungssymptome eingestellt hat. Hier die drei Gründe, die ich ermitteln konnte:

 

Stress: wer sich eine Erkältung in einer Phase von akutem Stress „einfängt“, dessen Immunsystem ist einseitig abgelenkt. Viren „umgehen“ die humorale Abwehr und toben sich sozusagen in der Zelle aus. Liegt Stress vor, wird das zelluläre System mit der einseitigen Belastung oft nicht richtig fertig und bleibt über einen langen Zeitraum gereizt. Eine Charakteristik dieser Einseitigkeit ist der zunehmende Mangel an verfügbarem, freiem Serotonin im Darm - eventuell begleitet von einer diskreten Veränderung der Darmflora. Auf diese Weise kann sich ein Reizdarmsyndrom mit Blähungen, Unwohlsein und Wechsel von Verstopfung und Durchfall einstellen.

 

Einnahme von Schmerz- und Fiebermitteln: klassische Schmerz- bzw. Fiebermittel hemmen die Bildung von Prostaglandin-E. Das wiederum ist wichtig, um die Darmschleimhaut resistent gegen Eindringlinge zu machen. Der Dünndarm reagiert mit einer Schwächung seiner Funktion, der Verdauungsvorgang läuft biochemisch gesehen nicht mehr optimal ab. In Folge wird die Darmflora im Dickdarm umgebaut, was zu zunehmenden Reizdarm-Symptomen führt. Das tückische daran: die Reizdarm-Erkrankung manifestiert sich nicht sofort nach der Erkältung, sondern baut sich mit der Zeit langsam auf. Oder mehrere Erkältungen werden mit Paracetamol oder ähnlichem behandelt und die Reizdarm-Symptome entstehen über einen langen Zeitraum.

 

Aktivierung einer submukosalen Entzündung: bei manchen Menschen ist die Darmgesundheit bereits geraume Zeit vor der Erkältung latent kompromittiert. Tritt eine Erkältung auf, wird der Nervus vagus aktiver als vorher. Das darmassoziierte Immunsystem kommt sozusagen in Gang. Da bereits Veränderungen in der Darmschleimhaut, der Darmflora und eventuell im darmassoziierten Nervensystem bestehen, werden diese vom Immunsystem sozusagen angegangen. Darüber manifestiert sich Reizdarmsyndrom, eventuell mit Durchfall als bei weitem dominante Komponente.

 

                       4. Chronische Erschöpfungszustände

 

 Wir müssen nicht gleich von worst-case-Szenario eines chronischen Erschöpfungssyndroms ausgehen. Jedoch manifestieren sich infolge einer simplen Erkältung meiner Beobachtung nach immer häufiger chronische Erschöpfungszustände, unter anderem auch Burnout sowie eine chronische, depressive Verstimmung und eventuell sogar Depression (selten). Der Grund dafür ist wie bei der letzten Variante von Reizdarmsyndrom die dauerhafte Aktivierung des Nervus vagus. Begleiterscheinungen sind neben der Müdigkeit und Konzentrationsschwäche sowie Leistungsminderung eventuell ein flaues Gefühl, ein niedriger Blutdruck und Attacken von Hypoglykämie mit Flauheit, Schwindel und Schwächegefühl. Bisweilen finden sich im Bereich des Halses notorisch geschwollene Lymphknoten, womit der Übergang zum chronischen Erschöpfungssyndrom gegeben ist.

 

All die genannten Zustände ergeben sich dann, wenn immunologische Belastung durch die Erkältungsviren nicht vollständig bereinigt sind. Sie werden von verschiedenen Faktoren daran gehindert: Schmerzmittel und fiebersenkende Mittel sind eine Möglichkeit, aber auch umweltmedizinische Belastungen und chronischer Stress tragen dazu bei, dass sich infolge einer Erkältung immer mehr von den genannten chronischen Zuständen manifestieren können.

 

Quellen:

 

http://www.ibsgroup.org/forums/topic/94350-can-the-flucold-cause-an-ibs-d-flareup/  

https://www.prevention.com/health/health-concerns/bronchitis-can-develop-cold-or-flu 

http://www.health.com/cold-flu-sinus/signs-more-serious-common-cold#cold-something-else 

https://www.innocigs.com/blog/popcornlunge-durch-e-zigaretten/ 

Eigene Beobachtungen und Erfahrungen

 

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