Die Kokosoel-Kontroverse: gesund oder ungesund?

Man muss sich schon ein bisschen mit Gesundheit auseinandersetzen, um hinter das Schema zu steigen. Gegen jeden so genannten „alternativen Gesundheitstrend“ - unabhängig davon, ob er sich in weiten Bevölkerungskreisen durchsetzt bzw. Akzeptanz findet oder ob er einer kleinen Minderheit im Umfeld von Heilpraktiker-Kreisen bekannt bleibt - stellen sich in schönster Regelmäßigkeit „medizinisch-wissenschaftliche“ Gesundheits-Experten.

 

Egal ob Fasten, grüne Smoothies, Entschlacken oder Superfoods - oder wie jetzt vor Kurzem eben das Kokosöl - immer erhebt sich eine mahnende Stimme, die vor den Gefahren des Gesundheits-Trends warnt. So heißt es beispielsweise in der Welt: „Kokosöl - deswegen sollten Sie die Finger davon lassen: Kokosöl ist gefährlicher als Schweineschmalz!“

 

„Forscher warnen: das angebliche Superfood Kokosöl ist so ziemlich das Gegenteil davon!“ heißt es in einer anderen Zeitschrift. Abgesegnet von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und unterschrieben von führenden Ärzten, Professoren, Ernährungsberatern und Wissenschaftlern.

 

Kokosöl - ein Trend, der viele Freunde gefunden hat

 

Vor, sagen wir, sieben oder acht Jahren war Kokosöl im deutschsprachigen Raum noch so gut wie unbekannt. Es geisterte in der „alternativen Ernährungsszene“ herum, bei Veganern, Rohköslern und Freunden der Steinzeit-Diät vor allem. Mittlerweile gibt es wohl kaum einen gut sortierten Supermarkt, der kein Kokosöl im Angebot hat. Nicht nur die meisten Supermärkte, sondern auch viele Hausfrauen und natürlich auch -Männer haben qualitativ hochwertiges Bio-Kokosöl in ihrer Küche – auch dann, wenn sie keinem besonderen Ernährungstrend folgen oder gar krankheitsbedingt auf eine besondere Diät angewiesen sind.

 

Grund genug für unsere wohlmeinenden „Experten, Ernährungswissenschaftler und Forscher“, die warnende Stimme zu erheben:

 

„Kokosöl enthält extrem viel gesättigte Fettsäuren - und die sind bekanntermaßen ungesund“. Mit Brief und Siegel in einem kurzen Artikel in der Welt letztes Jahr veröffentlicht - und zwar von niemandem geringeren als der „American Heart Association“, zu Deutsch übersetzt: amerikanische Gesellschaft für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

 

Es ist tatsächlich so: obwohl pflanzlicher Herkunft, enthält Kokosöl über 80 % gesättigte Fettsäuren. Butter und Schmalz enthalten wesentlich weniger. Butter enthält etwas über 60 % gesättigte Fettsäuren, Schweineschmalz etwas weniger als 40 %. Und weiter, so stellt die amerikanische Gesellschaft für Herz-Kreislauf-Erkrankungen fest, erhöhen gesättigte Fettsäuren das schlechte Cholesterin: LDL. Die logische Konsequenz: viel Kokosöl - vorzeitiger Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgrund von Arterienverkalkung.

 

Fall abgeschlossen?

 

Die Erwähnung von Experten, Wissenschaftlern und ebenso wissenschaftlichen Studien soll Vertrauen erwecken. Sie soll den Menschen in der Welt der digitalen Informationsvermittlung sozusagen einen Leuchtturm darstellen, an dem man sich zu orientieren hat. Doktoren und Professoren der Medizin und der Ernährungswissenschaften müssen es ja schließlich wissen - denn die haben es ja studiert. Also: Kokosöl ist schädlich!

 

Halt…Stop! Da war doch noch was…

 

Wenn ich mich recht entsinne, gibt es verschiedene gesättigte Fettsäuren. Und verschiedene gesättigte Fettsäuren müssten doch eigentlich unterschiedliche Wirkungen auf den Organismus haben - oder? Aber schauen wir uns doch einmal die genaue Zusammensetzung der Fettsäuren in Kokosöl und Schweineschmalz etwas genauer an…

 

Kokosöl:

 

Laurinsäure: knapp 50%

Caprinsäure: ca. 8%

Caprylsäure: ca. 7%

Myristinsäure: ca. 15%

Palmitinsäure: ca. 10%

Stearinsäure: 2%

Ölsäure: ca. 6%

Linolsäure: weniger als 1%

 

Schweineschmalz:

 

Ölsäure: ca. 40%

Palmitinsäure: ca. 23%

Stearinsäure: ca. 13%

Myristinsäure: ca. 1%

Laurinsäure, Caprinsäure, Caprylsäure: zusammen weniger als 1%

Linolsäure: ca. 8%

Arachidonsäure: ca. 1,5%

 

Die entsprechende Nährstofftabellen geben jedoch noch etwas anderes her, nämlich:

 

Schweineschmalz:

 

Langkettige Fettsäuren: mehr als 95 %

Mittelkettige Fettsäuren: weniger als 0,1 %

Kurzkettige Fettsäuren: 0 %

 

Kokosöl:

 

Langkettige Fettsäuren: ca. 39 %

Mittelkettige Fettsäuren: ca. 60 %

Kurzkettige Fettsäuren: < 1 %

 

Es ist zwar korrekt, das Kokosöl wesentlich mehr gesättigte Fettsäuren enthält als beispielsweise Schweineschmalz. Aber es sind andere Fettsäuren. Im Gegensatz zu allen anderen gebräuchlichen Fetten besteht Kokosöl nämlich zu einem großen Teil aus so genannten mittelkettigen Fettsäuren.

 

Wir wollen ja bitte schön wissenschaftlich bleiben!

 

Daher bemühen wir auch ein wissenschaftliches Portal, nämlich eines, auf dem der Großteil der medizinischen Studien abgelegt ist: PUBMED. Schauen wir doch einmal nach, wie die Laurinsäure, die gesättigte Fettsäure mit dem größten Anteil in Kokosöl, bei der Frage nach den „kardiovaskulären Risiken“, sprich: der Gefahr, irgendwann einmal ein Herz-Kreislauf-leiden zu entwickeln, abschneidet.

 

Und gleich in der ersten zitierten Studie wird die Laurinsäure mit anderen gesättigten Fettsäuren mit größerer Kettenlänge (ergo zu den langkettigen Fettsäuren gehörend) verglichen. Das Ergebnis der offensichtlich am häufigsten zitierten Studie:

 

Die Laurinsäure vermittelt von allen verglichenen gesättigten Fettsäuren relativ das geringste Potenzial für die Entwicklung einer chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankung.

 

Die nächste Studie ist interessant für Diabetiker: auch hier geht es hauptsächlich um die Laurinsäure. Die Studie hat den Titel: Inhaltsstoffe der Kokosnuss hemmen Enzyme des Polyol-Pfades: positive Wirkungen auf mit Diabetes assoziierten mikrovaskulären Erkrankungen.

 

Grob und eher unwissenschaftlich ausgedrückt geht es hier um die Verhinderung von Entzündungsvorgängen, die im Falle einer Diabetes-Erkrankung die Durchblutung der feinsten Blutgefäße, der so genannten Kapillaren beeinträchtigen. Das Studienergebnis sprach dafür, dass die Laurinsäure in Kokosöl Komplikationen bei Diabetes durch die gehemmte Durchblutung kleinster Blutgefäße verhindert.

 

Eine Meta-Studie aus 2016 kommt zu dem Schluss, dass (Zitat): „der großzügige Gebrauch von Kokosöl, eingebettet in den Kontext einer traditionellen Ernährung, kein belastendes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt. Allerdings lässt sich diese Schlussfolgerung nicht auf einen typischen, westlichen Ernährungsstil ausdehnen.“ Wobei allerdings: „Der Einfluss der Laurinsäure auf das „gute“ HDL-Cholesterin in vielen Studien nicht ausreichend untersucht wurde“.

 

Aha?

 

„Nicht ausreichend untersucht wurde…“

 

Nun gut, fahren wir fort: eine brasilianische Studie aus 2015 kommt zu folgendem Schluss: „eine Ernährung, angereichert mit nativem Kokosöl, steigert das HDL-Cholesterin in Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit. Gleichzeitig werden das Körpergewicht, der Body-Mass-Index und der Taillenumfang reduziert“.

 

Ein paar abschließende Worte zum Thema „TC-HDL-Quotient im Blut“

 

Der „TC-HDL-Quotient“ wird heute als eine Möglichkeit gesehen, das Risiko für koronare Herzkrankheiten vorauszusagen. TC steht dabei für „Total Cholesterol“, also Gesamtcholesterin. HDL steht für das „gute“ Cholesterin oder „High density Lipoprotein“.

 

Eine Studie aus 2010 untersuchte, inwieweit die Aussage, dass gesättigte Fettsäuren zu einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten führen, nach dem wissenschaftlichen Stand noch haltbar sind.

 

Während diese Studie quasi zugibt, dass viele Faktoren noch unsicher seien und man sie nicht beurteilen könne, fällt eine Aussage dennoch ins Auge: „wenn man im Vergleich den Konsum von Kohlehydraten heranzieht, wird der TC-HDL-Quotient durch die Fettsäuren Myristinsäure und Palmitinsäure nicht beeinflusst, durch die Fettsäure Stearinsäure nicht signifikant gesenkt, durch die Fettsäure Laurinsäure signifikant gesenkt“.

 

Auf Deutsch übersetzt: die im Kokosöl mit rund 50% vertretene Laurinsäure führt zu einem verbesserten Verhältnis von Gesamt-Cholesterin zu HDL-Cholesterin.

 

Laurinsäure ist nicht „nachgewiesenermaßen schädlich“ für das Herz-Kreislauf-System

 

In der Suchmaske habe ich die Begriffe „Lauric acid heart disease“ eingegeben, sprich: Laurinsäure-Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die zitierten und weitere Studien sprechen nicht gerade dafür, dass die in Kokosöl mit Abstand am häufigsten vorkommende Fettsäure sich ungünstig auf das Herz-Kreislauf-System auswirken würde. Die gefundenen negativ-Aussagen diesbezüglich wurden in den Kontext einer „westlichen Ernährungs- und Lebensweise“ gebracht. Oder anders formuliert: Kokosnuss nützt Ihnen gar nichts, wenn Sie nicht insgesamt eine gesunde, einigermaßen natürliche Ernährung pflegen. Bei einer Ernährung mit vielen Fertigprodukten und großen Mengen an Zucker sowie künstlichen Nahrungsmittelzusatzstoffen wird auch der tägliche Genuss mehrerer Esslöffel Kokosöl Ihre Gesundheit nicht rausreißen.

 

Jedoch unterstelle ich Ihnen als Leser mit einem gesunden Menschenverstand einfach mal, dass Ihnen das wahrscheinlich sowieso klar war.

 

Jetzt stehen wir vor einem Problem…

 

Ein normaler Mensch ohne besondere medizinische Vorkenntnisse liest einen Artikel mit einer Überschrift wie: „Kokosöl ist schädlich!“ Und gerät natürlich in Panik - denn er bzw. sie hat es Monate-, ja vielleicht sogar jahrelang benutzt.

 

Ich muss mich noch einmal wiederholen: wenn Artikel zu Ernährungs- und Gesundheitsfragen in Zeitschriften wie Stern, Spiegel, Focus oder Welt erscheinen, geht der Leser davon aus, dass man den vermittelten Erkenntnissen vertrauen darf. Vor allen Dingen, wenn darunter steht: „Wissenschaftler empfehlen…“ oder: „Forscher raten dazu…“.

 

Ich gebe zu, ich habe bewusst einen undifferenzierten und tendenziösen Artikel zitiert (siehe unten, erste Quellenangabe). Wenn man die in diesem Artikel zitierte Quelle einsieht, stellt man fest, dass Kokosöl oder Laurinsäure gar nicht zitiert wurden! (Siehe zweite Quellenangabe). Aber ich gebe zu bedenken: diese Artikel werden gelesen! Der zitierte Artikel aus der Welt belegt einen der ersten Plätze bei Google, wenn Sie beispielsweise „Kokosöl schädlich?“ eingeben. Wer irgendetwas hört, tendiert dazu, nachzulesen. Wenn er dann so etwas serviert bekommt wie im ersten zitierten Artikel, ist der Schreck natürlich groß.

 

Und jetzt kommt das eigentliche Problem: ich habe zur Erstellung dieses Blogartikels, zur Recherche, zu den Quellenangaben und zu Durchsicht der verschiedenen Studien etwa 2 Stunden benötigt. Ich bin kein hoch bezahlter Wissenschaftler oder Forscher, ich habe weder einen Professoren- noch einen Doktorentitel. Ich bin ein einfacher Heilpraktiker. Nichts Besonderes also. Die Frage stellt sich also: auf welchem Niveau befinden sich die Gesundheit-Informationen von Nachrichtenjournalen, bei denen Forscher und Wissenschaftler zitiert werden?

 

Ist das Niveau tatsächlich so erbärmlich schlecht oder handelt es sich sogar um bewusste Desinformation?

 

Und fast noch schlimmer: lassen solche erbärmlichen Artikel einen Rückschluss auf die journalistische Arbeit unserer so genannten „Qualitätsmedien“ im Allgemeinen zu?

 

Denken Sie doch einmal über diese Fragen nach.

 

Herzlich, ihr

Andreas Ulmicher

 

Quellen:

 

https://www.welt.de/kmpkt/article165682199/Darum-ist-Kokosoel-schlimmer-als-Schweineschmalz.html 

http://circ.ahajournals.org/content/early/2017/06/15/CIR.0000000000000510 

https://www.naehrwertrechner.de/naehrwerte/Kokosfett/ (Achtung: Zahlendreher bei der Laurinsäure: diese wurde irrtümlich zu den langkettigen Fettsäuren gezählt, Anm. des Autors) 

https://www.kokosoel.com/wissen/kokosoel-lexikon/kokosoel-inhaltsstoffe/ 

https://draxe.com/mct-oil/ 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27881409 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20354806 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26545671

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29156154

 

 

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