Der Hickhack um Glyphosat, oder: vom Regen in die Traufe?

Wenn man einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung Glauben schenken mag, ist Glyphosat nicht nur ein Unkraut-, sondern auch ein Vertrauensvernichter. Während die EU den weiteren Gebrauch dieses Herbizids für fünf Jahre abgesegnet, hat sich ein deutscher Politiker gegen die Weisung seiner Partei ebenfalls für den weiteren Gebrauch ausgesprochen.

 

Die Erlaubnis, Glyphosat in der EU weiter zu nutzen, schlägt aktuell hohe Wellen gerade hier in Deutschland, wo immer mehr Menschen Wert auf biologische bzw. organische Qualität ihrer Lebensmittel liegen. Da heißt es, Glyphosat sei Krebs erregend - und plötzlich wird es von der EU-Kommission für „sicher“ erklärt. In entsprechenden Kreisen riecht dies nach Lobbyismus und Profitgier, einem fahrlässigen Spiel mit unserer Umwelt und unserer Gesundheit.

 

„Heilpraktiker mögen es nicht“

 

Nein, vor dem Durchdenken aller möglichen Alternativen finde ich die Entscheidung falsch. Aber ich bin da selbst eher simpel gestrickt: ich finde nämlich alles falsch, was die menschliche Gesundheit oder das, was man so schön als „Volksgesundheit“ bezeichnet, untergraben könnte. Also auch Glyphosat.

 

Aber so einfach möchte ich es mir dann doch nicht machen. Es gibt zugegebenermaßen Argumente für ein „Dafür“. Ob diese allerdings einer wirklich tief gehenden Betrachtung standhalten? Aber gehen wir die Argumente erst einmal durch.

 

Gibt es Gründe „für“ Glyphosat?

 

In der Theorie gibt es natürlich Gründe. Das häufigste Argument „pro“ Glyphosat: es wäre am besten untersucht; es aus der EU-Landwirtschaft zu verbannen würde nur bedeuten, dass man andere, weniger gut untersuchte Pestizide einsetzen würde - eventuell mit einer deutlich verheerenderen Wirkung auf die menschliche Gesundheit (und die Böden). Griffiges und schlüssiges Gegenargument: wie wäre es, wenn man insgesamt weniger Pestizide in der Landwirtschaft einsetzen würde? Eine Studie aus Großbritannien besagt, dass in den siebziger Jahren Getreidefelder in konventioneller Landwirtschaft durchschnittlich zweimal pro Saison mit Herbiziden behandelt wurden. Mittlerweile (Stand: 2014) sind es 20 Behandlungen pro Saison! Also das zehnfache! Meine simple Frage an dieser Stelle: warum? Oder anders formuliert: warum kann man früher offensichtlich mit weniger aus?

 

Der erste Gegenschlag: fast siebeneinhalb Milliarden Erdenbürger lassen sich mit rein biologischer Landwirtschaft beim besten Willen nicht ernähren. Mein Gegenargument: mit konventioneller Landwirtschaft offensichtlich auch nicht. 800 Millionen Menschen leiden statistisch gesehen im Herbst 2017 an Hunger. Jetzt könnte man trefflich argumentieren: 1 Milliarde Menschen isst notorisch zu viel. Aber ich schätze, das ist ein anderes Problem. Abgesehen davon ist der Hunger nicht gerade ein EU-Problem.

 

Mal im Ernst: es ist eine Utopie und offensichtlich eine Ausgeburt wissenschaftlichen „Elfenbeinturm-Denkens“, anzunehmen, man könnte nur mit konventioneller Landwirtschaft alle Menschen weltweit satt kriegen. Das hängt an vielen anderen Faktoren. Nur ein winziger Bruchteil davon hat mit Landwirtschaft zu tun.

 

Ein weiteres beliebtes Argument der Glyphosat-Befürworter: ohne Glyphosat wird es teurer! Darüber kann man trefflich streiten. Wem würde es schaden, wenn die Lebensmittelpreise um, sagen wir 20 % steigen würden? Wahrscheinlich denen, die mit ihrem Geld gerade so (oder gar nicht) zurechtkommen. Glyphosat kann nur dann eingesetzt werden, wenn die Feldfrüchte genmanipuliert sind. Warum werden Pflanzen genmanipuliert? Aus drei Gründen: Resistenz gegen Pflanzenschutzmittel, Haltbarkeit und - Ertrag. Mit ein wenig Logistik und einigen, subtilen Änderungen in der Politik ließe sich auch dieses Problem beheben - und natürlich auch mit dem Konsumverhalten des Einzelnen: wenn bis zu 50% aller Nahrungsmittel „entsorgt“ werden, wirft das die Frage auf, inwieweit wir „ertragreichere“ Pflanzen (zumindest bei uns) brauchen?

 

Glyphosat - weniger giftig als andere Pflanzenschutzmittel, aber…

 

Die Tragik des ganzen Unterfangens wird noch einmal deutlicher, wenn man sieht, dass das „relativ harmlose“ Glyphosat beispielsweise in „Roundup“ mit anderen Herbiziden kombiniert wird - und dadurch deutlich giftiger wird. Frei nach dem Motto: die Kombination macht‘s.

 

Und überhaupt: warum wird die Entscheidung einer weiteren Zulassung oder eines Zulassungsstopps für ein Pflanzenschutzmittel offensichtlich von nur einem Faktor abhängig gemacht? Als ob es bei der konventionellen Landwirtschaft nur um das Krebsrisiko ginge! Verschiedene Studien mit Glyphosat legen folgende Gesundheitsgefahren nahe:

 

  • Schädigungen der Magen-Darm-Schleimhaut
  • Veränderungen der Darmflora und erhöhtes Risiko für Zöliakie und Glutenintoleranz
  • Clostridien-induzierte Colitis (im Gegensatz zu Lactobazillen und Bifidus sind die weniger harmlosen Clostridien nahezu resistent gegen Glyphosat)
  • Geburtsdefekte
  • Nervöse Störungen, Konzentrationsschwächen, AD(H)S
  • Gestörter Stoffwechsel der Aminosäure Tryptophan, der Vorstufe von Serotonin
  • Störungen des zentralen Nervensystems
  • Fruchtbarkeitsstörungen
  • Erkrankungen der Atemwege wie COPD, Lungenfibrose etc.

 

Ein weiterer, sensibilisierender Umweltfaktor?

 

Und damit möchte ich meinen Blogbeitrag abschließen: die Wissenschaft versagt katastrophal, wenn es um die Erhebung individueller Gesundheitsrisiken geht. In Studien kann man keine Erkenntnisse darüber gewinnen, warum eine Person sich trotz verschiedener Umweltbelastungen bester Gesundheit erfreut und eine andere mit ähnlichen bzw. vergleichbaren Belastungen verschiedene Gesundheitsprobleme oder gar eine chronische Krankheit entwickelt. Es ist nicht möglich, dieses Risiko abzuschätzen - zumindest nicht für den einzelnen.

 

Was das bedeutet, wissen Sie: wenn Sie an einer Migräne, an multipler Sklerose, an Hashimoto, an Zöliakie, an Parkinson, an entzündlichem Rheuma oder einer anderen chronischen Erkrankung leiden wird Ihnen kein „normaler“ Arzt sagen, dass bei Ihnen eine Belastung mit Pflanzenschutzmitteln vorliegt. Um dies herauszufinden, müssen Sie leider einige Euro an die Hand nehmen und einem Umweltmediziner einen Besuch abstatten!

 

Wir westlichen Zivilisationsmenschen sind sensible Zeitgenossen, die Sicherheit brauchen - auch und erst recht auf dem Gebiet der Gesundheit. Die umweltbedingten gesundheitlichen Probleme, die wir in den letzten Jahrzehnten heraufbeschworen haben, sind nun mal da - und wir sollten uns bemühen, sie zu reduzieren oder zumindest nicht noch weiter wachsen zu lassen!

 

Das ist zumindest meine Meinung. Deswegen lehne ich nicht nur Glyphosat, sondern die Anwendung von chemisch definierten Pflanzenschutzmitteln über ein absolut notwendiges Mindestmaß hinaus für mich ab.

 

Quellen:

 

http://www.greenmedinfo.com/blog/eu-reapproval-glyphosate-leaves-environmentalists-strategy-tatters-what-now 

http://www.sueddeutsche.de/politik/regierungsbildung-glyphosat-wird-zum-vertrauensvernichter-1.3768897 

https://www.ecowatch.com/15-health-problems-linked-to-monsantos-roundup-1882002128.html 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15862083 

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3945755/ 

https://www.scientificamerican.com/article/weed-whacking-herbicide-p/ 

http://www.zeit.de/thema/glyphosat

 

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