Der Reizdarm bei Frauen und die Rolle weiblicher Hormone

Heute wende ich mich mal an das „schöne Geschlecht“.

 

Liebe Damen! Wussten Sie eigentlich schon, dass ein Reizdarmsyndrom nicht unbedingt nur Ursachen im Darm hat?

 

Der Darm wird ja als Dreh- und Angelpunkt unserer Gesundheit angesehen. Und das ist gut so! Aber man sollte nicht den Fehler machen, Blähungen, Stuhldrang, einen aufgetriebenen Bauch oder eventuell sogar Durchfall ausschließlich auf böse Darmbakterien zu schieben…

 

Ein Grund, warum Frauen häufiger mit Reizdarm belastet sind?

 

Hormone bestimmen unser Leben. Oberflächlich betrachtet, haben bestimmte Hormone bestimmte Aufgaben. Demzufolge haben Sexualhormone wie Östrogen und Progesteron nichts mit dem Darm zu tun? Eine solche Aussage zu treffen, ist verlockend - aber leider völlig falsch, wie dieser Blogartikel Ihnen nahe bringen möchte…

 

Frauen haben im Verhältnis zwischen den Geschlechtern häufiger Reizdarm als Männer. Vor allen Dingen habe ich es in der naturheilkundlichen Praxis nicht selten erlebt, dass die Darmbeschwerden des Reizdarms einem Muster folgen, das wiederum dem Menstruationszyklus angepasst ist. Zu bestimmten Phasen des Monatszyklus machen sich die Beschwerden stärker bemerkbar, während sie zu anderen Zeiten fast vollkommen fehlen. Ja, ich habe es sogar schon „live“ erlebt, dass sich das so genannte prämenstruelle Syndrom (PMS) fast oder sogar ganz ausschließlich in Form von Reizdarm-Symptomen bemerkbar gemacht hat.

 

Das „Problem“ gilt in der wissenschaftlichen Medizin mittlerweile als akzeptiert: Progesteron und Östrogen können Reizdarm-Symptome modulieren und gegebenenfalls verstärken. In aller Regel sind verstärkte Beschwerden am Darm mit einem niedrigen Spiegel dieser Hormone verbunden, das muss aber nicht notwendigerweise der Fall sein, wie das folgende Beispiel zeigt:

 

Östrogen und Serotonin – Ruhe im Darm, …oder?

 

Es gibt eine Beziehung zwischen dem Östrogen- und den Serotoninspiegel. Kurz vor dem Eisprung ist der Östrogenspiegel am höchsten, kurz danach (in der so genannten Lutealphase) ist der Progesteronspiegel erhöht, bis es kurz vor der Menses zu einem Abfall des Hormonspiegels kommt: das ist die Zeit, in der die meisten Frauen besonders sensibel sind. In mehreren wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, dass Östrogen die Serotonin-Rezeptoren in ihrer Funktion beeinflusst. Auf Deutsch übersetzt: das Hormon Östrogen bestimmt, wie sensibel Nervenzellen (nicht nur, aber auch im Darm) auf das Gewebshormon Serotonin ansprechen.

 

Auf der einen Seite gilt Serotonin als „Glücklichmacher“. Es sorgt für Ausgeglichenheit, gute Laune und regt im Darm die Peristaltik an. Unter normalen Umständen „flutscht es“. Aber was ist heute schon normal? Serotonin beeinflusst auch den Salzhaushalt zwischen Zellen und dem Raum außerhalb der Zellen. Ist die Serotoninkonzentration im Darm hoch, kann eine Freisetzung dieses Hormons plötzlichen, heftigen Durchfall provozieren. Dazu reicht eine Aufregung oder ein ungewohntes Nahrungsmittel aus.

 

Ist der Östrogenspiegel niedrig, kommt es eher zu einem verkrampften und verstopften Darm. Der Darm wird träge. D.h. aber nicht notwendigerweise, dass die Betroffene Patienten tatsächlich eine Verstopfung verspürt. Reißt dieser Zustand sozusagen ein, kann sich durch die träge Darmperistaltik mit der Zeit eine andere Darmflora einstellen. Ein Problem übrigens auch bei Frauen, die in der Menopause sind und deren Hormonspiegel generell abnehmen. Trägheit im Darm kann über den Faktor der veränderten Darmflora zu einer Entzündung und - das nehme ich an - zu einem erhöhten Risiko für Divertikulose führen. Auch aus diesem Zustand können Reizdarm-Symptome resultieren.

 

Lange Rede, kurzer Sinn: ob nun ein hoher oder ein niedriger Spiegel an Östrogen letzten Endes zu Darmsymptomen führt, hängt von ihrer Grundkonstitution ab. So ist eine Verstärkung der Reizdarmsymptome nicht notwendigerweise an die letzten Tage vor der einsetzenden Regelblutung gebunden. Frauen, deren humorales Abwehrsystem dominant ist, können sogar während ihrer „fruchtbaren Tage“ verstärkt an Reizdarmsymptomen leiden - hier ist ein Zuviel an Serotonin das Problem. Auf der anderen Seite muss ich zugeben, dass ich dieses Phänomen noch nicht allzu häufig beobachtet habe - gelegentlich aber schon.

 

Achtung! Hormonersatztherapie und Reizdarm…

 

Eine Studie von Ruigómez in 2003 fördert einen erstaunlichen Effekt der Hormonersatztherapie für Frauen nach der Menopause ans Tageslicht: es scheinen doppelt so viele Frauen nach der Menopause ein Reizdarmsyndrom zu entwickeln, die sich einer Hormonersatztherapie unterziehen. Und zwar - bitte festhalten! - unabhängig davon, wie lange die Hormonersatztherapie dauert!

 

Sprich: selbst wenn Sie nur zwei Wochen ein solches Präparat einnehmen sollten, kommt es mit mehr als doppelter Wahrscheinlichkeit zwischen Ihrem 49. und ihrem 70. Lebensjahr zur Entwicklung eines Reizdarmsyndroms! Die Studienergebnisse lieferten ohne Hormonersatztherapie 1,7 Diagnosen von Reizdarm pro 1000 Personen-Jahre, mit derselben 3,8 Diagnosen. Da die Studie über 20 Jahre ging, übersetzt sich das Ganze in Prozent wie folgt:

 

3,4% aller Frauen ohne Hormonersatztherapie entwickelten ein Reizdarmsyndrom.

7,6% aller Frauen mit Hormonersatztherapie entwickelten ein Reizdarmsyndrom.

 

Wie gesagt, betrug der Beobachtungszeitraum dabei 20 Jahre.

 

Mehr Östrogen = weniger Reizdarm? So einfach ist es dann doch nicht…

 

Während der empfängnisfähigen Jahre hat die Mehrzahl der Frauen, die von Reizdarmsyndrom betroffen sind, ihre stärksten Symptome in Phasen mit relativ niedrigen Hormonspiegeln – vor allem vor der monatlichen Regel (häufig eingebunden in ein PMS). Nach den Wechseljahren nimmt die Inzidenz für Reiz dann jedoch ab und gleicht sich derjenigen bei Männern an. Werden Hormonersatzpräparate genommen, nimmt die Empfänglichkeit für Reiz dann jedoch wieder zu!

 

In der Praxis können wir daher nicht die Schuld am Reizdarmsyndrom auf ein bestimmtes Hormon bzw. auf das Fehlen eines ebensolchen projizieren. Es ist vielmehr die Koordination zwischen verschiedenen Faktoren, die letzten Endes Reizdarmsymptome provoziert (oder eben nicht):

  • Empfindlichkeit des enterischen Nervensystems und der submukosalen Nervenzellen des Darms
  • Vorhandensein und Fehlen von Gewebshormonen
  • Vorhandensein und Fehlen von bestimmten Fettsäuren und Cholesterin (Östrogen beeinflusst auch den Cholesteringehalt der Galle!)
  • Dominanz bestimmter Teile des Immunsystems (humorale / zelluläre Abwehr)
  • Umweltmedizinische Belastungen
  • Versteckte Entzündungen und ihr immunologischer „Trigger“.

Diese Faktoren und der weibliche Hormonhaushalt beeinflussen sich gegenseitig. Es ist dabei so, dass eher die Schwankungen der Sexualhormone im Zusammenspiel mit den oben genannten Faktoren das Risiko für Reizdarm bei Frauen gegenüber dem von Männern erhöhen. Veränderte Level an Östrogen und Progesteron bewirken ein verändertes Ansprechen von Nervenrezeptoren auf Peristaltik-Reize im Darm und sorgen somit für ein „wechselhaftes Darm-Wetter“ während der empfängnisfähigen Jahre der Frau. Darüber hinaus scheint „die Natur der Frau“ hormonelle Eingriffe übel zu nehmen - was das gestiegene Reizdarmrisiko bei Frauen, die sich einer Hormonersatztherapie unterziehen, deutlich macht.

 

Behandlung? Auch hier individuell!

 

Das bedeutet: es gibt in der Naturheilpraxis auch nicht den einen Behandlungsansatz für den „weiblichen“ Reizdarm, genauso wenig wie es den einen Therapieansatz für Reizdarm an sich gibt! Die Behandlung in der Naturheilkunde ist deswegen genauso individuell wie bei allen anderen Erkrankungen und berücksichtigt die oben genannten Faktoren!

 

Andreas Ulmicher

 

Quellen:

 

https://www.webmd.com/ibs/guide/hormones-ibs#1

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3949254/

https://www.badgut.org/information-centre/a-z-digestive-topics/ibs-and-hormone-replacement-therapy/

https://selfhacked.com/blog/causes-ibs-general-gut-dysfunction/

http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0169328X9800148X

https://www.karger.com/Article/Abstract/123396

 

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