Allgemeinplätze zum Thema Stress - und was dahinter steckt

In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen fühlen sich verschiedene Seiten im Netz berufen, Präventionsstrategien gegen das Burnout-Syndrom didaktisch zu vermitteln. Sprich: wie man mit unvermeidlichen Stress umgeht, wie man vermeidbaren Stress vermeidet, wie man sich kurzfristig erholt.

 

Entschuldigen Sie bitte, aber…

 

Irgendwie läuft es doch immer wieder auf dasselbe hinaus: man soll sich gesund ernähren, mehr Sport treiben, zwischendrin mal aufstehen, kurz bewegen und ein Glas Wasser trinken, Pausen einlegen. Bei einer bestehenden Stressbelastung sollte man darüber reden und Strategien planen und entwickeln, um diese Stressbelastung zu vermindern. Wenn man akut Stress empfindet, sollte man verschiedene Muskeln an- und wieder entspannen.

 

Dann sollte man versuchen, ausreichend zu schlafen - und alles wird gut.

 

Ich denke, dass es nicht einmal eine durchschnittliche Intelligenz benötigt, um von selbst auf diese Binsenweisheiten zukommen. Auf gut Deutsch: diese „Gesundheits-Tipps“ kennt wirklich jeder. Wer darauf nicht kommt, dem ist nicht zu helfen!

 

Wenn das das ganze Wissen repräsentiert, dass dazu nötig ist, Stress zu vermeiden und ein Burn-Out-Syndrom ebenso, stellt sich schon die Frage, warum wir immer mehr Burn-Out-Patienten, Erschöpfte und Depressive haben…

 

Aber vielleicht liegt ja der Teufel im Detail?

 

Aber vielleicht haben wir auch die ein- oder andere Kleinigkeit vergessen? Vielleicht sind die „Burn-Out-Vermeidungs-Strategien“ damit doch noch nicht so ganz abgegolten? Gehen wir doch mal bei der Frage „Burn-Out oder nicht“ in die Tiefe…

 

1.     Gesunde Ernährung, gut und schön, aber…

 

Wahrscheinlich die geistreichste Erkenntnis, die modernes Gesundheitsbewusstsein zum Thema „Stressbekämpfung“ bzw. „Stressvermeidung“ zu bieten hat, ist die gesunde Ernährung. Das ist natürlich korrekt. Eine natürliche, gesunde Ernährung liefert die Bausteine fürs Gehirn, die unsere Stressresistenz steigern. Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe, Aminosäuren oder allgemein Antioxidantien schützen uns vor äußerem und innerem Stress.

 

Sicherlich ist es auch nicht allzu lange her, wann Sie Ihren letzten Salat gegessen haben. So ein Salat zum Beispiel ist sehr gesund, aber auch heimtückisch. Er kann es in sich haben. Das fängt schon einmal damit an, wenn Sie einen Salat im gleichen Tempo verzehren wie den Rest ihrer Mahlzeit. Um gesundheitlich von ihrem Salat wirklich zu profitieren - d.h., die Nährstoffe wirklich komplett aufzunehmen - müssen Sie diesen nämlich in ihrem Mund zu einem Brei zerkauen. Das dauert seine Zeit. Ein großer Teller Salat ist ein zeitintensives Unterfangen. Da kann schon einmal eine halbe Stunde oder die komplette Mittagspause dabei draufgehen - wenn Sie es richtig machen!

 

Als nächstes muss natürlich auch Ihr Darm top in Ordnung sein, damit der schöne, große Salat Stress nimmt - und nicht macht. Schon allein das winzig kleine Detail, das Sie eventuell zu wenig Magensäure haben, kann Ihren Salat zu einer ziemlich ungesunden Angelegenheit machen. Nämlich dann, wenn in einem trägen Darm Nitrit gebildet wird - der wiederum verantwortlich ist für  Stoffwechsel-Stress!

 

Also heißt es bei der Ernährung: Trau, schau, wem!

 

2.     Haben Sie sich richtig bewegt?

 

„Gegen Stress soll man die Faust ballen - und wieder entspannen!“ WOW! Wahrscheinlich bekommt es der Stress ob dieser Geste mit der Angst zu tun, Sie könnten ihm gleich eine auf die 12 zimmern - und verschwindet freiwillig. Fragt sich nur, was Sie machen, wenn der Stress selbst so ein Schlägertyp ist und auf Ihre Herausforderung eingeht…

 

Nein, leider nicht ganz ausreichend. Die Mechanismen, die der Stress im Organismus lostritt, sind uralt und haben ein Ziel: dem Individuum das Überleben zu sichern. Dafür macht der Stress den Organismus bereit für Kampf oder Flucht - was gerade sinnvoller ist (Kampf = potentielles Abendessen, Flucht = aufgebrachte Ehefrau, wenn man zu spät heimkommt?!). Dazu werden Hormone ausgeschüttet, passend: Adrenalin für die Flucht bzw. Noradrenalin für den Kampf. Von einer geballten Faust lassen die sich kaum beeindrucken - es sei denn, nicht Sie, sondern ein 1,90m großer und 110kg schwerer Gegenüber ballt die Fäuste…

 

Stresshormone wollen abgebaut werden. Die beste, da einzige Möglichkeit, ist kurze, heftige Bewegung. Fünf Minuten Seilspringen, „Hampelmann“ (kennen Sie den noch aus der Schulzeit?) oder auch Boxen / auf einen Sandsack eindreschen ist das, was Sie jetzt brauchen. Das wichtigste Element der Bewegungstherapie: wenn Sie fertig sind, sollten sie heftig außer Atem sein! Dann haben Sie tatsächlich Stress abgebaut!

 

3.     Haben Sie richtig geschlafen?

 

Guter Schlaf bedeutet vielmehr, als sich einfach hinzulegen und 8 Stunden am Stück Matratzenhorchdienst zu schieben! „Hautnah“ habe ich selbst dies erfahren, als ich im Frühjahr eine Woche in Südtirol in einem Biohotel verbracht habe: mit Zimmern, die komplett in Zirbenholz gehalten waren. Zirbenholz hat eine Eigenschaft: es verströmt den Duft eines ätherisches Öls, das im höchsten Maße beruhigend auf die Sinne wirkt. Mit dem Effekt, dass ich jede Nacht geschlafen habe wie ein Stein - und nach diesem Urlaub erholter war als nach vielen anderen Urlauben zuvor.

 

Richtig: entscheidend ist nicht nur die Länge des Schlafs, sondern auch die Schlafqualität. Ein Bett aus Zirbenholz oder zumindest Kissen sind eine gute Maßnahme, aber alleine nicht ausreichend. Mein dringender Rat an jeden Stressgeplagten: schalten Sie alle Quellen technischer Strahlung in 5m Umkreis des Schlafzimmers möglichst ab. Wenn das nicht funktioniert, versuchen Sie zumindest, alle abschaltbaren Strahlungsquellen auszuschalten. Und noch was: Finger weg vom Alkohol! Sie schlafen nur scheinbar besser, in Wirklichkeit verschlechtert der Alkohol die Schlafqualität.

 

Ach, und übrigens: wenn Sie trotz all dieser Maßnahmen immer noch schlecht schlafen, steckt dahinter wahrscheinlich nicht (nur) ein psychisches, sondern mit ziemlicher Sicherheit auch ein organisches Problem - eines, das zum Burnout beitragen kann - siehe unten...

 

Jetzt verrate ich Ihnen noch etwas (eher Trauriges):

 

Selbst mit diesem Blogartikel über Stress und wie man seine Auswirkungen auf den Körper mindert habe ich nur an der Oberfläche gekratzt. Was alle Einflüsse der modernen Zivilisation zusammengenommen für Auswirkungen auf den Organismus haben, ist so komplex, dass man selbst als therapeutischer Profi kaum noch durchblickt. Eine einmalige Unterdrückung von Erkältungssymptomen etwa (Sie wissen schon, Paracetamol…) kann langfristig so viel oxidativen Stress im Organismus verursachen, dass Sie Ihr Burnout-Syndrom unter Umständen zu 75 % darauf schieben können - und das, obwohl Sie genügend Zeit für Ihren Salat hatten und 8 Stunden Schlaf täglich…

 

Aber das ist ein eigenes Kapitel, das ich in meinem in Kürze erscheinenden Buch „Burnout - Chronisches Erschöpfungssyndrom - Depression“ (erhältlich ab Oktober oder November) näher thematisieren werde…

 

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