Wieso Burnout nicht nur ein psychosomatisches Problem ist...

Burnout-Syndrom. Nahezu jeder kennt es. Es scheint ein Massenphänomen zu sein. „Die ausgebrannte Gesellschaft“ sozusagen. Es ist viel über das Burnout-Syndrom geschrieben worden, und es wird mit Sicherheit noch mehr werden.

 

Aber nur abseits der ausgetretenen Pfade der mainstream-Berichterstattung werden Sie Therapeuten, Ärzte, Autoren und Experten finden, die das Burnout-Syndrom nicht allein auf psychischen bzw. mentalen Stress schieben.

 

Was ist das eigentlich - ein Burnout-Syndrom?

 

Burnout bedeutet, wie schon angedeutet, „ausgebrannt (sein)“. Ausgebrannt von was? Aus psychosomatischer bzw. psychotherapeutischer Sicht könnte man es so formulieren: solange ich für etwas brenne, bin ich von einer Sache begeistert. Wenn ich allerdings nicht mehr dafür brenne, ist die Begeisterung erloschen. Ich bin „ausgebrannt“.

 

„Für etwas zu brennen“ bzw. begeistert zu sein, bedeutet positiv-Stress oder auch „Eu-Stress“. Wenn man das bekannte 12-Phasen-Modell des Burnout-Syndroms nach Freudenberger und North hernimmt, sieht das Ganze allerdings nicht so romantisch aus. Diese beiden Herren gehen davon aus, dass bereits in den ersten Phasen ihres Modells mit der betroffenen Person etwas nicht stimmt - und zwar in einem negativen Sinne.

 

Falls Sie sich in Ihrem Leben einmal selbstständig gemacht haben sollten oder eine Arbeitsstelle angetreten haben, von der Sie sich zu Beginn viel versprochen haben, wissen Sie, wovon ich rede: man stürzt sich mit Begeisterung hinein. Man ist voller Tatendrang und Optimismus. Man verspricht sich etwas. Die treibende Kraft hinter diesem Gebaren könnte man unter dem Überbegriff „Perspektiven“ zusammenfassen.

 

Das Modell nach Freudenberger und North hat hingegen von Anfang an eine latent negative Komponente an sich. Hier die einzelnen Phasen einmal aufgelistet:

 

Phase 1: Ehrgeiz und Perfektionismus

Phase 2: Dringlichkeit und Priorität

Phase 3: Vernachlässigung eigener Bedürfnisse

Phase 4: Verdrängung von Konflikten

Phase 5: Wahrnehmungsveränderungen vom Stellenwert der Arbeit

Phase 6: Selbstverleugnung

Phase 7: Rückzug und Isolation

Phase 8: neue Verhaltensmuster werden zum Automatismus

Phase 9: Persönlichkeitsveränderung

Phase 10: innere Leere

Phase 11: Depression

Phase 12: Erschöpfung und Zusammenbruch

 

Wie Sie sehen, finden Sie in diesem Modell nichts Positives oder Optimistisches. Aber auch ein viel versprechender Beginn (zum Beispiel die Selbstständigkeit) führt am Ende doch zu einem gleichen oder zumindest ähnlichen Ergebnis, dass durch die fortgeschrittenen Stufen des Burnout-Syndroms repräsentiert wird. Diese lassen sich angemessen mit den Schlagworten „Routine“ und „Überforderung“ umschreiben.

 

Hierbei steht:

 

„Perspektiven“: die ersten drei oder vier Phasen:= Sympathikus-Dominanz (Leistungsphase)

 

„Routine“: in etwa die Phasen vier oder fünf bis neun := Sympathikus-Abschwächung (Anpassungsphase) und

 

„Überforderung“: die Phasen zehn bis zwölf := Parasympathikus-Dominanz (Erschöpfungsphase)

 

Alle Phasen des Burnout-Syndroms hinterlassen ihre Spur im vegetativen Nervensystem. Das vegetative Nervensystem ist aber ein organisches System, welches hormonelle- und Stoffwechselvorgänge reguliert. Deswegen fühlen wir uns nicht nur „leistungsbereit“ oder „erschöpft“ je nach Phase, sondern alle Phasen gehen mit verschiedenen, körperlichen Symptomen einher.

 

So kommt es in der Leistungsphase häufiger zu folgenden Symptomen:

 

  • Muskelverspannungen, überwiegend an: Nacken, Schultern, unterem Rücken, Hüfte und Knien.
  • Probleme beim Wasserlassen (bei Männern), die gelegentlich als Prostataprobleme fehlgedeutet werden, in Wirklichkeit aber auf eine Verspannung des Beckenbodens zurückzuführen sind.
  • Zu Beginn: Schmerzattacken mit plötzlichen, stechenden Beschwerden, die oft den Platz wechseln.
  • Im weiteren Verlauf: Schmerzen durch Muskelverspannung und –Verkrampfung, die hartnäckig an einem Ort bleiben.
  • Sodbrennen, Druck im Oberbauch und andere Magenprobleme, die typisch für ein Reizmagensyndrom sind.
  • Spannungskopfschmerz.
  • Verstopfung und Hämorrhoiden.
  • Heißhunger und Appetitlosigkeit.
  • Schlafstörungen, leichter Schlaf und unterbrochener Schlaf.
  • Motorische Unruhe, bei entsprechenden Verschiebungen im Mineralstoff-und Spurenelementhaushalt eventuell „Restless legs Syndrom“
  • Sexuelle Unlust, Libido- und Potenzverlust, eventuell auch zu Beginn gesteigertes sexuelles Verlangen (selten)

 

All diese Symptome sind körperliche Zeichen einer Sympathikus-Dominanz, einer verstärkten Aktivität des Stressnervs.

 

Ist das Burnout-Syndrom erst einmal fortgeschritten, kommt es zu ganz anderen Symptomen:

 

  • Muskelschwäche.
  • Schmerzen wie „zerschlagen“, eventuell auch „wund“.
  • Druck auf der Brust, Zwang zum Seufzen oder tief Luft holen.
  • „Bleierne“ Müdigkeit.
  • Konzentrationsschwäche, innerliches abschweifen, Tagträumen.
  • Inneres Frieren.
  • Schlaf wie betäubt, bringt keinerlei Erholung.
  • Alle Anstrengungen fallen schwer.
  • Reizdarmsyndrom und Durchfall.
  • Nasenlaufen oder Augentränen (oder beides) ohne besonderen Grund.
  • Emotionale Einbrüche ohne besonderen Grund.

 

Ich behaupte nicht dass jeder Burnout-Patient darunter leidet. Die meisten Betroffenen haben jedoch aus den oben genannten Listen zwei oder mehr Symptome.

 

Warum ist das Burnout-Syndrom so verbreitet?

 

Der Begriff Burnout-Syndrom an sich wurde bereits vor geraumer Zeit geprägt. Als anerkanntes Syndrom - ein krankheitsähnlicher Zustand wird damit beschrieben - ist das Burnout-Syndrom allerdings erst ungefähr seit kurz vor der Jahrtausendwende „gesellschaftlich etabliert“. Mittlerweile lassen sich problemlos ganze Kurkliniken mit dieser Diagnose füllen.

 

Wenn sich ein Phänomen aber erst seit wenigen Jahrzehnten so richtig verbreitet und sozusagen massenkompatibel wird (denken Sie nur einmal an Nahrungsmittelintoleranzen! Wer hat in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf einer Party von so etwas gesprochen?), wirft das weitere Fragen auf:

 

Wieso brennen so viele Menschen „aus“?

 

Ist das wirklich nur ein psychologisches Problem oder psychosomatisches Phänomen?

 

Die Wirkung eines Stressreizes ist von zwei Faktoren bestimmt: Dauer und Stärke. Das körpereigene „Stressmanagementsystem“ verwaltet die Wirkung von Stress auf den Organismus. Konkret lassen sich sehr starke Stressreize für eine kurze Zeit ertragen oder schwacher bis mäßiger Stressreize über einen sehr langen Zeitraum. Der Organismus kann nicht mit starken Stressreizen über einen sehr langen Zeitraum umgehen. Er erschöpft dann recht schnell.

 

Die psychischen und mentalen Stressfaktoren, mit denen wir heute zu tun haben, gab es aber auch schon vor 50 Jahren: Arbeitsbelastung, finanzielle Sorgen und Schulden, Probleme mit der Familie, der Partnerschaft, der fehlenden Partnerschaft und so weiter. Doch der Begriff „Burnout-Syndrom“ war nahezu unbekannt. Menschen wurden damals depressiv - aber auch damit hatten weit weniger Personen zu tun als heute.

 

Die Dauer des Stressreizes hat sich nicht verändert in den letzten 50 Jahren. Jeder Mensch hat mehr oder weniger dauerhaft zumindest bis zum Renteneintrittsalter mit Stress zu tun. Was sich aber verändert haben muss, ist die Stärke des Stressreizes. Wir haben es aber von psychologischer Seite nach wie vor mit den gleichen Problemen zu tun: Arbeitsbelastung, finanzielle Sorgen und Schulden, Probleme mit der Familie, der Partnerschaft, der fehlenden Partnerschaft…

 

Des Rätsels Lösung: es sind neue Stressreize hinzugekommen!

 

Dennoch gibt es Dinge, die es vor 50 Jahren noch nicht oder zumindest kaum gab:

 

  • Technische Strahlung
  • Nahrungsmittelzusatzstoffe
  • Nanopartikel
  • künstliche Süßstoffe
  • genetisch veränderte Nahrungsmittel
  • künstliche Klimatisierung
  • „Dauerstimulation“ durch alle möglichen elektronischen Medien

 

All diese genannten Dinge haben keinerlei psychische, mentale oder psychosomatische Komponente an sich. Dennoch können sie den Organismus in einen chronischen Stresszustand versetzen.

 

Eine interessante Parallele: Burnout verbreitet sich, ebenso wie sich funktionelle Darmstörungen verbreiten!

 

Ich weiß nicht, ob es Ihnen eventuell schon mal aufgefallen ist: Syndrome wie das Burnout-Syndrom verbreiten sich in ähnlichem Maß wie verschiedene funktionelle Störungen des Verdauungstrakts, wie Reizdarm oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

 

Auch diese Dinge werden von dauerhaftem Stress und Erschöpfung des vegetativen Systems stimuliert. Das trifft im Übrigen auf viele funktionelle Störungen und Syndrome zu, die gerade deswegen eben nicht nur „psychosomatisch“ sind! Heute verursachen Nahrungsmittel eine zusätzliche Art von Stress beispielsweise durch Emulgatoren, Süßstoffe oder Farbstoffe, die unter Umständen sogar „neurotoxisch“ wirken (ich hatte mal einen Patienten in meiner Praxis, der sich durch den Verzehr von Azofarbstoffen ein Reizdarmsyndrom eingehandelt hatte!). Die permanente, rund um die Uhr vorhandene technische Strahlung beeinflusst die Zirkeldrüse und damit die nächtliche Produktion von Melatonin. Die Folge: die Schlaftiefe wird verschlechtert. Trotz acht Stunden Schlafs sind wir „nicht ausgeruht“. Die Konzentrationsfähigkeit ist nicht auf normalem Niveau, wir fühlen uns durch eine vergleichbare Arbeitsbelastung stärker gestresst.

 

E voila, die Summe aller Stressreize verstärkt sich!

 

Burnout-Patienten müssen nicht unbedingt „verweichlichte Sensibelchen“ sein

 

Und was schließen wir daraus? Nur mit „psychosomatisch bedingt“ können wir das Burnout-Syndrom nicht abtun. Genauso wenig wie mit dem „verweichlichten Zivilisationsmenschen“. Die Stärke, Widerstandsfähigkeit und Stressresistenz der modernen Menschen wird immer weiter eingeschränkt, das ist wahr. Aber man darf nicht Ursache mit Wirkung verwechseln. Fest steht:

 

Die Probleme, die uns Syndrome wie Burnout, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Fibromyalgie etc. bescheren, sind an den verschiedenen anderen funktionellen gesundheitlichen Störungen wie Reizdarm, Reizmagen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten et cetera zumindest beteiligt.

 

Und sie sind mit absoluter Sicherheit nicht „rein psychosomatisch“.

 

Quellen: eigene Erfahrungen und Recherchen.

 

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