Antibiotika bis zum Ende nehmen? Eine Legende wackelt...

Ich habe es ja selbst nicht anders gelernt: „wenn Sie schon aus irgendwelchen Gründen Antibiotika nehmen müssen, dann nehmen Sie diese bitte bis zum Ende der Packung - oder zumindest so lange, wie der Arzt sie Ihnen verordnet hat!“

 

Auch ich (als Heilpraktiker) habe diesen Satz meine Patienten jahrelang mit auf den Weg gegeben.

 

Soll das alles falsch gewesen sein?

 

Doch auf einmal ist alles anders. Wir schreiben das Jahr 2017, und Antibiotika sind mehr denn je in der Krise. „Wir haben ein echtes Antibiotika-Problem“ konstatieren Mediziner. „Medikamente gegen Gonorrhoe könnten bald wirkungslos sein!“ sagt eine andere Schlagzeile aus.

 

Fakt ist: die einst schlagkräftigen Waffen verlieren bedenklich an Wirkung.

 

Das schuldige Phänomen soll, wenn es nach der Meinung von Medizinern und Wissenschaftlern geht, die Bildung von Resistenzen gegen Antibiotika sein. Gerade diese Resistenzen waren der Grund, warum der Arzt bisher immer gewarnt hat, die Antibiotika doch möglichst bis zum Ende einzunehmen - auch wenn die Symptome lange Vergangenheit sind. Der Grund: obwohl der Patient beschwerdefrei ist, könnten sich immer noch da und dort die Bakterien, die die Erkrankung ausgelöst haben, versteckt halten.

 

Neueste medizinische Erkenntnisse gehen in eine ganz andere Richtung…

 

Die Empfehlung, Antibiotika nur bis zum Ende der Symptome einzunehmen, geht von der britischen Universität Sussex aus. Ihre Begründung: „es gäbe keine Beweise dafür, dass eine kürzere Antibiotika-Therapie weniger effektiv sei als eine lange.“

 

Professor Glaeske, Universität Bremen, empfiehlt eine individuelle Antibiotika-Therapie, die direkt auf den Erreger abgestimmt ist - und darüber hinaus, die Antibiotika auch nur so lange einzunehmen, wie die Symptome vorhanden sind. Dazu, so Professor Glaeske, müssten sich die Ärzte allerdings mehr Zeit für die Untersuchung nehmen. Zur Feststellung des Status der Infektion ist nämlich ein so genanntes „Antibiogramm“ notwendig. Aufgrund von Zeitdruck verordneten Ärzte hingegen häufig Breitband-Antibiotika und empfählen, das Medikament bis zur letzten Tablette zu schlucken.

 

Es sei gerade – ironischerweise – dieses Vorgehen, was zur Bildung von Resistenzen führte.

 

Wieder mal (wie so häufig): ein Budget-Problem

 

Das Verordnen von Breitband-Antibiotika hat nur finanziell Vorteile: die erste sparen sich eine Nachuntersuchung, darüber hinaus sind nur wenige Krankenkassen bereit, entsprechende Tests zu bezahlen, welche Erreger denn unspezifisch an dem Infekt beteiligt wären und welche Antibiotika zur Behandlung nötig wären.

 

Mein Kommentar dazu: „kurzfristig gespart, langfristig aber draufgezahlt“ - ein alter Allgemeinplatz, Antibiotika doch bis zum Ende zu nehmen, ist wissenschaftlich gesehen auf dem Prüfstand. Aber was hat Forschung und Wissenschaft heute noch mit der medizinischen Praxis zu tun? Wenn beides auf dem gleichen Stand wäre, würde man 90 % aller Antibiotika, die eigentlich verordnet würden, gar nicht mehr einsetzen!

 

Dann wäre man in der Medizin schon längst dazu übergegangen, bedarfsgerecht mit Probiotika zu arbeiten - zumindest da, wo das Weglassen von Antibiotika den Patienten nicht unbedingt gefährdet. Das ist bei den allermeisten Infekten der Fall.

 

Aber wie man sieht, hat die Wissenschaft noch lange nicht zu Ende geforscht. Lange sicher geglaubte Erkenntnisse können immer noch plötzlich auf den Kopf gestellt werden. Und es ist wichtig, sich diesen Satz auch als Arzt immer noch im Hinterkopf zu behalten. In der medizinischen Praxis wird diese Erkenntnis wahrscheinlich in den nächsten Jahren noch keine Konsequenzen haben - eingedenk einer Studie, wonach Ärzte nur so lange weniger Antibiotika verordnet haben, solange sie beobachtet wurden. Die Ärzte kehrten nach Beendigung der Beobachtung recht schnell zu Ihren alten Verordnungsgewohnheiten zurück.

 

Es ist natürlich auch immer eine Frage des zur Verfügung stehenden Budgets.

 

Aber solange das Geld immer noch Vorrang hat vor dem Wohlbefinden des Patienten, wird sich die Volksgesundheit wohl nicht bessern.

 

Und mir als Heilpraktiker bleibt eine neue Erkenntnis: nämlich, die Patienten im Falle einer notwendigen Antibiotika-Einnahme auf diese neuesten Ergebnisse aus der Forschung hinzuweisen.

 

Quellen:

 

http://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/antibiotika-absetzen-100.html

https://www.nytimes.com/2016/03/27/opinion/sunday/how-to-stop-overprescribing-antibiotics.html

 

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