Reizdarm - die Behandlung muss individuell auf den Patienten abgestimmt werden!

Manchmal gibt es so Meldungen bzw. Artikel, die einer Naturheilkunde-Nuss wie mir Hoffnung geben. Ein solcher Artikel ist vor kurzem in dem online-Magazin „Praxisvita“ erschienen.

 

Der Tenor lautet schlicht und ergreifend: „DAS Reizdarmsyndrom geht es gar nicht! Reizdarm setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen, die individuell unterschiedlich gewichtet werden. Daraus ergibt sich, dass das Reizdarmsyndrom auch individuell behandelt werden muss.“

 

Reizdarmsyndrom: nicht zu fassen, weit verbreitet – und sehr unangenehm

 

Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Erkrankung. Das bedeutet: es sind Symptome vorhanden, aber mit einer Untersuchung beim Arzt wie einer Darmspiegelung oder einem Blutbild bzw. Laborbefund ist keine Erkrankung nachweisbar. Es besteht keine Entzündung, es kommt zu keiner makroskopisch sichtbaren Veränderungen der Schleimhaut des Darms. Der Arzt „findet nichts“.

 

Funktionelle Erkrankungen sind für die Medizin sehr unangenehm. Sie sind auch für den Patienten sehr unangenehm. Denn wenn ein Patient Symptome hat und sich krank fühlt - und das auch noch über einen längeren Zeitraum hinweg - aber eine Arzt bei der Untersuchung nichts Greifbares findet, wird der Betroffene in die psychosomatische Ecke gestellt.

 

Das bedeutet: die Erkrankung wird im besten Falle auf den Stress geschoben, im schlimmsten Falle wird der Patient gesagt, dass es sich alles nur einbildet. Das ist natürlich für einen Patienten ein hartes „Urteil“. Und: es stimmt nicht.

 

Ein Reizdarmsyndrom kann alle möglichen Ausprägungen annehmen: von gelegentlichen, leichten Störungen bis hin zu dramatischen Symptome mit echtem Krankheitsgefühl. Ich hatte bereits Reizdarm-Patienten in der Praxis, die pro Tag mehr als 15 Studiengänge hatten! Daher ist die Behauptung schlichtweg falsch, ein Reizdarmsyndrom sei in jedem Fall „eine leichte Störung“. Das Reizdarmsyndrom ist nicht lebensbedrohlich, wie es bei manchen Formen von Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa vorkommen kann. Aber es kann im Einzelfall absolut lebensbeeinträchtigend sein. Manche Reizdarm-Patienten leiden mehr als ein durchschnittlicher Morbus Crohn-Patient, obwohl bei ihnen nicht das Geringste an der Darmschleimhaut oder im Blutbild nachweisbar ist.

 

Ein Reizdarmsyndrom ist bei weitem nicht immer „psychosomatisch“

 

Bloß weil keine definitiven organischen Veränderungen nachweisbar sind, heißt das noch lange nicht, dass ein Reizdarmsyndrom „eine rein psychosomatische Erkrankung“ ist. Meiner Erfahrung nach ist sowas nämlich extrem selten.

 

Es können subtile Veränderungen an der Darmschleimhaut bestehen, ohne dass diese mit einer Spiegelung oder allgemein makroskopisch nachweisbar wären. Es kann eine veränderte Darmflora vorliegen und - das ist meinem Erachten nach besonders wichtig - das biochemisch-hormonelle Gefüge des Darms kann verändert sein. Der Darm „bedient“ sich der gleichen Hormone und Nervenbotenstoffe wie das Gehirn. So spielt zum Beispiel das Hormon Serotonin im Haushalt des Darms eine wichtige Rolle. Wir kennen dieses Hormon als „Wohlfühlhormon“.

 

Was weniger bekannt ist: im Darm ist zwanzigmal so viel Serotonin wie im Gehirn. Und: im Darm ist es nicht unbedingt immer ein Wohlfühlfaktor. Die Funktion der Nervenzellen, an die Serotonin „andockt“ - die Serotoninrezeptoren - ist dabei der entscheidende Faktor. Diese können nämlich übersensibel sein oder „abgestumpft“. Und fertig ist das „IBS-d“ beziehungsweise „IBS-c“ (aus dem englischen, soviel wie: „Reizdarmsyndrom mit überwiegend Durchfall“ oder: „Reizdarmsyndrom mit überwiegend Verstopfung“).

 

Serotonin wird im Darm bei massivem, akutem Stress freigesetzt und spielt eine Rolle im Wasserhaushalt des Darms - und im Hinblick auf die Elektrolyte, also die Mineralstoffe. Wir Normalsterblichen kennen das Phänomen als „Prüfungsdurchfall“. Und jetzt stellen Sie sich vor, die Serotoninrezeptoren sind sensibilisiert und aus dem „Prüfungsdurchfall“ wird ein Dauerzustand!

 

Reizdarm und das Konzept der Neurotoxine

 

In der wissenschaftlichen Medizin habe ich noch nicht sehr viel darüber gelesen, dennoch halte ich es für sehr wichtig: bestimmte Chemikalien, aber auch Nahrungsmittelzusätze, Hilfsstoffe in Kosmetika, Medikamente und sogar die Stoffwechselprodukte von Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilzen können „Neurotoxisch“ wirken: sie entfalten eine Giftwirkung auf Nervenzellen. Durch diese Giftwirkung können die Nervenzellen entweder sensibilisiert oder abgestumpft werden. Ihre Reizschwelle sinkt bzw. steigt. Ich denke, dies ist bzw. wird in absehbarer Zeit ein sehr wichtiges Konzept in der Umweltmedizin.

 

Der Darm reagiert dann je nachdem, ob die Erregbarkeit der Nervenzellen gesteigert oder abgesenkt ist, mit Reizbarkeit und Durchfall auf der einen Seite sowie mit Verkrampfung, Blähungen, Verhärtungen und Verstopfung auf der anderen Seite. Eine übertriebene Reizbarkeit der Nervenzellen im Enddarm - der Ampulla Recti - kann dazu führen, dass selbst kleinste Stuhlmengen einen Entleerungsreflex auslösen.

 

Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen ist die Ampulla Recti oft durch die Entzündung gereizt. Der Patient hat das Gefühl, „auf der Toilette nie fertig zu werden“. Auch beim Reizdarmsyndrom kann sich dieses Phänomen einstellen - aber eben nicht durch eine Entzündung, sondern durch die erniedrigte Reizschwelle der Nervenzellen im Enddarm.

 

Reizdarmsyndrom kann viele verschiedene Ursachen haben

 

Stress ist nur eine von vielen Ursachen für das Reizdarmsyndrom. Meiner bisherigen Erfahrung nach ist Stress alleine sogar eher selten am Reizdarmsyndrom beteiligt. Stress mag eine Rolle spielen, wird aber verstärkt durch verschiedene Schädigungen und Beeinträchtigungen der Darmfunktion, wie

 

  • Des Enzymhaushalts. Bei Reizdarmsyndrom lohnt es oft, die Bauchspeicheldrüse zu stärken
  • Der Darmflora: eine veränderte Darmflora gibt andere Stoffwechselprodukte an die Schleimhaut ab, ihre eigene Wirkung auf die Nervenzellen des Darms haben
  • Eine beeinträchtigte Schleimhautfunktion: wir kennen es als „Leaky-Gut-Syndrom“, auch „undichter Darm“ genannt: Nährstoffe gehen den Darm verloren, Schadstoffe reizen das lymphatische System
  • Des Nervus vagus: der umherschweifende Nerv oder zehnte Hirnnerv kann entweder gereizt oder gedämpft sein. Viele Patienten mit einem Reizdarmsyndrom haben einen verstärkten vasovagalen Reflex.

 

All diese Dinge können gegenüber einer „gesunden“ Person verändert sein, ohne dass entzündliche oder medizinische Veränderungen im Körper nachweisbar sind!

 

Fazit: das Reizdarmsyndrom ist in der Tat eine äußerst komplexe und vielschichtige Erkrankung, die individuell gesehen viele verschiedene Ursachen haben kann. Ich persönlich halte das Konzept der Neurotoxine („Nervengifte“) bei der ganzheitlichen Betrachtung des Reizdarmsyndroms für sehr wichtig. Dies hat nichts oder nur wenig mit Psychosomatik zu tun. Darüber hinaus muss man sich darüber klar sein, dass die Psyche bzw. psychischer Stress von Patient zu Patient eine individuell verschieden starke Rolle spielt!

 

Darüber hinaus wäre es natürlich wünschenswert, wenn diese Vielschichtigkeit, die mittlerweile im Reizdarmsyndrom oder in funktionellen Erkrankungen allgemein vermutet wird, endlich auch auf organische Erkrankungen übertragen würde! Eine individuell abgestimmte Behandlung würde auch in der Medizin den Patienten mehr helfen und weniger schaden!

 

Quellen:

 

http://www.praxisvita.de/reizdarmsyndrom-neuer-ansatz-gibt-hoffnung 

https://www.verywell.com/vasovagal-reflex-1945072

http://www.chemgapedia.de/vsengine/vlu/vsc/de/ch/8/bc/vlu/neurotransmission/neuro_krank.vlu.html

 

 

Vorankündigung: Im Herbst, wahrscheinlich im Oktober, erscheint mein Reizdarm-Ratgeber. In ihm werden Sie dann lesen können, wie unterschiedlich die Ursachen für ein Reizdarmsyndrom gelagert sein können und worauf man in der Ernährung und Behandlung achten muss!

 

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