Gluten - ja oder nein? (1)

Ich glaube, über kaum ein Ernährungsthema gibt es so viele Missverständnisse, Streitereien und Konflikte innerhalb der „Szene“ der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie über die Frage, ob Gluten vermieden werden sollte oder nicht.

 

Die „wissenschaftliche Medizin“ und die offiziellen Ernährungsempfehlungen sprechen sich allesamt gegen das Einhalten einer glutenfreien Diät aus, wenn „keine Zöliakie vorliege“. D.h., aus ihrer Sicht macht eine glutenfreie Diät auch dann keinen Sinn, wenn eine Darmstörung vorliegt, die nicht Zöliakie ist.

 

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen vs. Zöliakie…

 

Geht man nach den letzten Zahlen, sind rund 400.000 Menschen in Deutschland von einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung - Morbus Crohn, Colitis ulcerosa oder unbestimmte Colitis - betroffen. Das sind etwa 0,5 % der Bevölkerung. Die offiziellen Zahlen für eine Zöliakie liegen aktuell bei etwa 800.000 Menschen in Deutschland, also doppelt so viele. Relativ selten sind Menschen mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung gleichzeitig von Zöliakie betroffen.

 

Eine amerikanische Studie aus 2014 untersuchte knapp 1700 Personen, die entweder an Morbus Crohn oder an Colitis ulcerosa erkrankt waren. Nur zehn von ihnen hatten gleichzeitig eine Zöliakie, 81 Personen eine andere Form der Glutenunverträglichkeit.

 

Eine Zöliakie-Erkrankung ist also unter Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung in etwa genauso selten wie unter dem Durchschnitt der Bevölkerung.

 

Zöliakie betrifft ausschließlich den Dünndarm, Morbus Crohn betrifft zu etwa 50 % den Dünndarm und zu weiteren 50 % alle anderen Abschnitte des Verdauungstrakts zusammengezählt, Colitis ulcerosa betrifft ausschließlich den Dickdarm und mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit die letzten ca. 5-10 cm des Dünndarms (so genannte „Backwash-Ileitis“).

 

Aussage von Wissenschaftlern: Glutenfreie Diäten sind eine Modeerscheinung!

 

Viele Menschen halten freiwillig, d.h. ohne eine konkrete Diagnose, eine glutenfreie Diät ein. Mediziner und Wissenschaftler sprechen diesbezüglich von einer Modeerscheinung, die durch keinerlei wissenschaftliche Forschung unterstützt werden kann. Vor nicht allzu langer Zeit erschienen Artikel diesbezüglich im Stern und in der „Welt“:

 

http://www.stern.de/gesundheit/ernaehrung/aerzte-warnen--glutenfreie-ernaehrung-kann-sogar-ungesund-sein-7442844.html

 

https://www.welt.de/gesundheit/article151085195/Warum-Sie-auf-Brot-nicht-verzichten-sollten.html

 

(Ja, und falls Sie etwas genauer hinein gelesen haben sollten: „bloß nicht mit Darmbeschwerden zum Heilpraktiker gehen“ ;-))

 

Die Hardliner unter den Medizinern sind ja der Meinung: Zöliakie oder nichts, dazwischen ist nichts. Aber da muss ich Sie leider enttäuschen…

 

Fünf verschiedene Arten von Glutenintoleranz…

 

Insgesamt kennen wir nämlich auch unabhängig von der Zöliakie vier weitere verschiedene Arten von Glutenintoleranz, als da wären:

 

·       Gluten-Sensitivität (GSE, glutensensitive Enteropathie)

 

·       Gluten-Intoleranz

 

·       Dermatitis herpetiformis

 

·       Glutenataxie

 

Bei der glutensensitiven Enteropathie reagiert der Darm auf Gluten ab einer bestimmten Menge mit Erscheinungen, die im weiteren Sinne als „Reizdarmsyndrom“ umschrieben werden können. Für Individuen, die von dieser Erkrankung betroffen sind, ist die „FODMAPS“-Diät eine Überlegung wert, bei der Gluten nicht vollständig, aber Weizen und einige andere Getreidesorten wegfallen.

 

Bei der Glutenintoleranz ist es ebenfalls ein Mengenproblem. Gewisse Erscheinungen wie Schnupfen, Juckreiz, Müdigkeit und Erschöpfung oder Energiemangel sowie Schlafstörungen können sich als Symptom außerhalb des Darms manifestieren. Leiden muss in diesem Fall aber der Darm.

 

Die Dermatitis herpetiformis ist eine ganz komplizierte Geschichte. Diese Erkrankung geht mit einem extremen Juckreiz beim Verzehr von Gluten einher. Es handelt sich aber dennoch um keine Allergie, sondern nach dem derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis um eine Autoimmunerkrankung.

 

Die Glutenataxie ist die schlimmste Form der Glutenunverträglichkeit. Hier kommt es beim Verzehr von Gluten zu neurologischen Störungen. Wird langfristig keine glutenfreie Diät eingehalten, kann es zur Zerstörung von Nervengewebe im Gehirn kommen. Zum Glück ist diese Form der Glutenunverträglichkeit sehr selten. Sie hat übrigens nichts zu tun mit der Annahme, dass es durch Gluten zu Erkrankungen wie Autismus kommen kann. Dies ist bis jetzt eine Hypothese, die man zwar nicht als Unsinn abtun sollte, aber zumindest auf den Prüfstand stellen sollte.

 

Über diese Formen von Glutenunverträglichkeit hinaus gibt es natürlich noch verschiedene andere Reaktionen auf Weizen und Getreide, wobei hier allerdings nicht das Gluten an sich der Übeltäter ist.

 

Ist denn wirklich Gluten das Problem?

 

Wenn man das Heer der Leidenden zusammenrechnet, landet man zumindest gefühlt schnell bei rund 25 % der gesamten Bevölkerung: die Menschen mit Reizdarm, mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten, mit irgendwelchen Allergien, mit Einschränkungen bezüglich der Ernährung, mit chronischen Darmentzündungen, mit Divertikulitis oder anderen, den Magen oder den Darm betreffenden Krankheiten. Ein Großteil dieser Menschen - auch wenn diese keine Glutenunverträglichkeit ärztlicherseits diagnostiziert bekommen haben - ernährt sich glutenfrei.

 

Aber ist das wirklich richtig? Es ist ja nicht so, dass diese Betroffenen verschiedener Magen-Darm-Erkrankungen grundsätzlich keine Erfolge sehen. Auch die oben zuerst zitierte Studie von 2014 beschreibt, dass auch viele Morbus Crohn-Patienten durchaus Verbesserungen mit einer glutenfreien Diät erfahren.

 

Meinem aktuellen Kenntnisstand liegt das schlicht und ergreifend daran, dass sich aufgrund der Entzündung des Dünndarms oder andere Probleme im Dünndarm wie beispielsweise einem Leaky Gut-Syndrom („undichter Darm“) sekundär eine relative Glutenunverträglichkeit eingestellt hat!

 

Heißt: eine erhöhte Sensibilität gegenüber Gluten ist die Folge von bereits vorhandenen funktionellen, organischen oder entzündlichen Störungen im Verdauungskanal. Das kann Patienten mit einem Reizdarmsyndrom betreffen wie auch solche mit einem „Leaky Gut-Syndrom“. Letzteres Syndrom führt übrigens nicht nur zu Magen-Darm-Beschwerden, sondern auch zu Kopfschmerzen, Juckreiz, innerer Unruhe, erhöhter Sensibilität gegenüber Stress und Schlafstörungen. Auch unruhige Beine, Spannungskopfschmerz oder Rückenbeschwerden können (indirekt) auf das Konto dieses Syndroms gehen.

 

Ein Teil der Betroffenen, die Gluten meiden, fühlt sich besser. Aus meiner eigenen Praxiserfahrung kann ich keine genauen Zahlen nennen, schätze aber, dass dies etwa zwischen 30 und 50 % aller Personen betrifft, die sich mit solchen Symptomen konfrontiert sehen.

 

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