Was ist das eigentlich, eine "Erstverschlimmerung"?

Heute möchte ich mal ein wenig mehr aus dem Nähkästchen plaudern, sozusagen aus dem Praxisalltag eines kleinen „Feld-, Wald- und Wiesen-Heilpraktikers“. Wenn Sie sich schon ein bisschen mit Naturheilkunde oder alternativer Medizin beschäftigt haben, können Sie vielleicht mit diesem Begriff etwas anfangen: Erstverschlimmerung.

 

Erstverschlimmerung bedeutet, dass vorhandene Symptome sich mit Beginn der Behandlung verstärken oder neue Symptome hinzutreten. Ein Beispiel: wenn jemand eventuell aufgrund einer Entzündung im Darm an chronischem Durchfall leidet, stellt sich mit Beginn der Behandlung (zusätzlich) ein Schnupfen ein, wobei der Durchfall zumindest zunächst noch nicht besser wird. In der Voranamnese des Patienten hat sich eventuell ergeben, dass dieser vor seiner Darmentzündung häufig an Erkältungen gelitten hat.

 

Erstverschlimmerung: die Krankheit wird sozusagen rückwärts durchgemacht!

 

Chronische Krankheiten kommen nicht aus dem Nichts. Sie haben eine Vorgeschichte. Diese muss nicht immer offensichtlich sein. Es kann auch etwas sehr Subtiles sein. Es obliegt dem Therapeuten, herauszufinden, wo die Ursachen für eine chronische Krankheit bei jedem Patienten individuell zu finden sind. In über 99 % aller Fälle haben chronische Krankheiten eine Entwicklung, die sich über Monate und eventuell sogar über Jahre zieht. Dabei kann das Problem, dass die Krankheit ausgelöst hat bzw. zu ihr hin geführt hat, ursprünglich ein einem anderen Organ bestanden haben - wie im Beispiel mit unserem Schnupfen.

 

Ein Schnupfen und Durchfall spielen sich nämlich beide an Schleimhäuten ab. Durchfall kann in diesem Sinne sozusagen als „der Schnupfen des Darms“ angesehen werden. Diese Verschiebungen einer Krankheit binnen einer Art von Körpergewebe wurde zum ersten Mal von Dr. Hans-Heinrich Reckeweg in den vierziger und fünfziger Jahren beobachtet und systematisch beschrieben. Er formulierte die Idee, das Symptom einer Krankheit gleichzeitig ein Hinweis darauf sind, dass mit dem Betroffenen Körpergewebe etwas nicht in Ordnung ist und dass der Körper versucht, dieses Problem zu bereinigen. Damit meinte er besonders (unnatürlich) verstärkte Ausscheidungen wie Durchfall, Schweißausbruch, verstärktes Wasserlassen oder eben auch verstärkten Schnupfen.

 

In den zweiten Abschnitt des vorletzten Satzes liegt die Lösung dafür, was eine Erstverschlimmerung eigentlich ist:

 

Das Symptom einer verstärkten Ausscheidung (wie Durchfall oder Nasenlaufen) bedeutet, dass der Organismus etwas loswerden will. In einem weiteren Sinne gehören zu diesem „loswerden wollen“ auch Entzündungen. Sie sind ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem sich mit einem Problem beschäftigt.

 

 

Zu dieser „Beschäftigung mit einem Problem“ seitens des Organismus gehören auch chronische Entzündungen. Nur ist es hier so, dass der Versuch der Problemlösung in einer bestimmten Phase stecken bleibt. Das ist ungefähr so, als wollten Sie mit einem Geländewagen durch einen Sumpf fahren und bleiben irgendwo stecken. Der Geländewagen schafft es mit seiner Motorkraft nicht, sich selbst aus dem Sumpf heraus zu wühlen. Die Situation im Körper ist im wahrsten Sinne des Wortes festgefahren.

 

Der Arzt oder der Heilpraktiker gibt ein Arzneimittel - beispielsweise ein homöopathisches. Die Symptome des Patienten verstärken sich (zunächst). Bezogen auf unseren im Sumpf fest steckenden Geländewagen ist das so, als ob irgendwo im Fahrzeug noch ein „geheimer Knopf“ steckt, der dem Motor mehr Kraft ein haucht. Dieser wird gedrückt und der Geländewagen kann sich aus seinem Loch frei fahren. Dabei wirbelt er kurzfristig eine Menge Dreck auf.

 

Das ist zwar unangenehm, aber auf der anderen Seite wie ein Befreiungsschlag. Der Wagen schafft es sich aus dem Sumpf frei zu wühlen und erreicht irgendwann das andere Ende des Sumpfs. Übertragen auf unseren Patienten: das Abwehrsystem wird angeregt, die Ausscheidungen und eventuell die Entzündung verschlimmern sich vorübergehend. Aber dieser vorübergehende „Ausbruch“ ist notwendig, um das Immunsystem aus der festgefahrenen Situation zu befreien.

 

Im Sumpf scheitert ein „Kraftschub“ für das Geländefahrzeug manchmal

 

Gelegentlich nützt aber auch der Kraftschub nichts: der Geländewagen fährt sich so noch weiter fest oder das Immunsystem stagniert analog noch mehr. Dem Geländewagen müssen wir dann eine Rampe bauen, sozusagen als Hilfestellung, um aus dem Sumpf fahren zu können. Auch dem Immunsystem müssen wir bei einer anregenden Therapie eine solche Hilfestellung zuteilwerden lassen. Die bekannteste „Hilfestellung“ für das Immunsystem sind– analog der „Rampe“ für den Geländewagen – Antioxidantien, Enzyme oder sekundäre Pflanzenstoffe. Mit ihrer Hilfe verpufft die zusätzliche Kraft, die dem Immunsystem bereitgestellt worden ist, nicht.

 

Eine Erstverschlimmerung ist also ein Prozess, mit denen der Körper zeigt, dass er auf die Therapie reagiert. Es ist also durchaus nichts Schlechtes. Natürlich kann es in unserer heutigen Welt und Zeit mit der ungeheuren Komplexität chronischer Erkrankungen zu etwas Schlechtem werden: nämlich dann, wenn die Symptome von vornherein so stark sind, dass man sich gar keine Erstverschlimmerung „mehr leisten kann“!

 

Übertragen auf unseren Geländewagen müssen wir versuchen, einfach eine Rampe zu bauen, ohne mithilfe unseres geheimen Knopfs die Zusatz-Kräfte des Wagens zu aktivieren. Das ist dann der Fall, wenn unser Geländewagen kein „Geheim-Menü“ hat oder analog die Kräfte des Immunsystems schlicht und ergreifend bereits erschöpft sind. Daraus wiederum ergeben sich unterschiedliche Ansätze bei der Therapie, je nachdem in welchem Zustand der Patient ist:

 

In der Stressphase ist eine Anregung des Immunsystems („Knopf für mehr Motorleistung“) erwünscht, das Immunsystem braucht in diesem Fall einen Kickstarter, um mit der Krankheitsbelastung fertig zu werden.

 

In der Erschöpfungsphase hingegen „sollte man den Geländewagen eine Rampe bauen“. Jetzt therapeutisch gesehen den „Kraft-Knopf“ für das Immunsystem zu drücken, wäre ein Fehler. Das Immunsystem könnte zu stark überreagieren, die chronische Entzündung könnte sich verstärken, statt Erleichterung über die Ausscheidung zu erfahren.

 

Immer mehr chronisch Kranke – immer mehr Erschöpfte…

 

Ich beobachte in der Praxis folgendes: immer mehr Patienten sind von einer chronisch-entzündlichen Erkrankung so erschöpft, dass ihr Immunsystem gar nicht mehr zur Ruhe kommt (für Profis: die „regulatorischen T-Helferzellen sind stark erniedrigt“). In diesem Fall vermeide ich als Therapeut alles, was zu einer Erstverschlimmerung führen könnte und versuche zunächst zu stärken und das vegetative Nervensystem auszugleichen. Wenn dies der Fall ist, kann man das Immunsystem auch wieder anregen.

 

Bei Patienten hingegen, die quasi unter Strom stehen und deren Immunsystem aus diesem Grund unterdrückt ist (so genannter „Cortisol-Stress“), kann ich eine verstärkte Ausscheidungsreaktion riskieren. Wenn diese Patienten mal einen Schnupfen oder einen Durchfall bekommen, tut ihnen das nach überstandener akuter Erkrankung sogar gut! Da ich selbst eher zu diesem Typus neige, kann ich dergleichen auch von mir berichten: nach einer saftigen Erkältung oder 2-3 Tagen mit Durchfall fühle ich mich besser als vorher!

 

Und hier noch ein kleiner Tipp für den Weg: wenn Sie in einer naturheilkundlichen oder alternativmedizinischen Behandlung sind, lassen Sie sich das Thema Erstverschlimmerung von ihrem Arzt bzw. Heilpraktiker erklären, damit es hinterher keine bösen Überraschungen gibt!

 

 

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