"Menschen, die nicht unter Zöliakie leiden, sollten nicht auf Gluten verzichten!" - Mal wieder: ein "Experte" gibt Auskunft...

Ich muss Ihnen mit dem neuen Jahr ein Geständnis machen: die deutsche Presse geht mir immer mehr gegen den Strich. Ich bin selbst seit letztem Jahr Fachjournalist und kann nur den Kopf schütteln über das, was uns jeden Tag als „objektive und neutrale Medienberichterstattung“ präsentiert wird.

 

Unter die Rubrik „objektive und neutrale Medienberichterstattung“ gehört wohl auch dieser Artikel hier:

 

http://www.welt.de/gesundheit/article151085195/Warum-Sie-auf-Brot-nicht-verzichten-sollten.html

 

Macht man sich die Mühe, den Artikel einer so genannten „Expertin“ (au weia!!!) Zu lesen, kommt man um diese bekannte Feststellung nicht um hin: es gibt schwarz und weiß. Es existieren keine Grautöne.

 

Vielleicht hätte mal jemand diese „Expertin“ aufklären sollen, dass es neben der Zöliakie noch vier weitere Formen von Glutenunverträglichkeit gibt

 

Nur mal so zur Wiederholung:

 

  • Glutensensitive Enteropathie
  • Dermatitis herpetiformis
  • Glutenataxie
  • Glutenintoleranz

 

Bei der glutensensitiven Enteropathie reagiert der Darm auf Gluten ab einer bestimmten Menge mit Erscheinungen, die im weiteren Sinne als „Reizdarmsyndrom“ umschrieben werden können. Für Individuen, die von dieser Erkrankung betroffen sind, ist die „FODMAPS“-Diät eine Überlegung wert.

 

Bei der Glutenintoleranz ist es ebenfalls ein Mengenproblem. Gewisse Erscheinungen wie Schnupfen, Juckreiz, Müdigkeit und Erschöpfung oder Energiemangel sowie Schlafstörungen können sich als Symptom außerhalb des Darms manifestieren.

 

Die Dermatitis herpetiformis ist eine ganz komplizierte Geschichte. Diese Erkrankung geht mit einem extremen Juckreiz beim Verzehr von Gluten einher. Es handelt sich aber dennoch um keine Allergie, sondern nach dem derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis um eine Autoimmunerkrankung.

 

Die Glutenataxie ist die schlimmste Form der Glutenunverträglichkeit. Hier kommt es beim Verzehr von Gluten zu neurologischen Störungen. Wird langfristig keine glutenfreie Diät eingehalten, kann es zur Zerstörung von Nervengewebe im Gehirn kommen. Zum Glück ist diese Form der Glutenunverträglichkeit sehr selten. Sie hat übrigens nichts zu tun mit der Annahme, dass es durch Gluten zu Erkrankungen wie Autismus kommen kann. Dies ist bis jetzt eine Hypothese, die man zwar nicht als Unsinn abtun sollte, aber zumindest auf den Prüfstand stellen sollte.

 

Über diese Formen von Glutenunverträglichkeit hinaus gibt es natürlich noch verschiedene andere Reaktionen auf Weizen und Getreide.

 

Es ist korrekt, dass glutenfreie Backwaren nicht unbedingt gesünder sind als normales Brot oder normale Brötchen

 

Es stimmt zweifelsfrei, dass die auf dem Markt befindlichen „glutenfreien Alternativen“ nicht unbedingt gesünder sind als normale, glutenhaltige Backwaren. Für die Konsistenz dieser glutenfreien Brote und Brötchen ist es notwendig, mit Emulgatoren zu arbeiten - wie beispielsweise dem in unseren Kreisen notorisch bekannten Guarkernmehl, das hier keinen besonders guten Ruf hat.

 

Insofern ist es durchaus richtig, dass Personen ohne eine Glutenunverträglichkeit (!) nicht unbedingt von glutenfreien Backwaren profitieren. Allerdings denke ich, dass es bei dieser Diskussion nicht so sehr um „Gluten in den Backwaren - ja oder nein?“ geht. Nein, man sollte auch als gesunde Person die Menge der insgesamt konsumierten Backwaren überdenken. Es ist also völliger Blödsinn, zu fordern, man solle als „Gesunder“ (wann ist man das? Ist man das sicher? Manche Formen von Glutenunverträglichkeit sind so subtil, dass sie nur zu unklaren Allgemeinsymptomen führen!) Auf keinen Fall auf Brot, Backwaren und Gluten verzichten.

 

In diesem Zusammenhang gibt es viele andere Probleme - und die beziehen sich nicht nur auf Gluten

 

Gluten ist nur eines von vielen Problemen in modernen Backwaren. Die weitaus größeren Probleme für viele Patienten, die auf Backwaren sensibel reagieren, sind sicherlich „moderne“ Getreidezüchtungen sowie der Verzicht auf die traditionelle Sauerteiggärung in der modernen, industriellen Herstellung von Backwaren. Nicht nur, dass so die Nährstoffverwertung aus dem „gesunden Korn“ verschlechtert wird (Stichwort: Phytinsäure!), Der ungehemmte Einsatz von oben beschriebenen Emulgatoren kann ein Reizdarmsyndrom herbeiführen oder verstärken.

 

Und diese Faktoren gelten auch unabhängig von Gluten.

 

Es gibt also einen guten Grund auch für Leute, die keine der oben beschriebenen Formen von Glutenunverträglichkeit haben, auf Backwaren zu verzichten oder diese zumindest zu reduzieren!

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Kommentare: 2
  • #1

    Christian (Montag, 16 Mai 2016 11:08)

    Ich kann dazu nur folgendes sagen. Im Januar 2016 wurde bei mir Diabetes diagnostiziert. Hba1c 6,8 mmol
    Der BMI war 24,5 Der Blutdruck ca. 130/85. Von diesem Tag an habe ich auf sämtliche Produkte verzichtet welche Gluten und KH und Zuckerhaltig sind. Im April war der Hba1c 6,5 mmol der BMI auf 21 und der Blutdruck 120/70. Ich esse weiterhin kein Gluten oder KH. Der Blutdruck liegt nun bei 110/61 der BMI bei 20 die Zuckerwerte Nüchtern sind zwischen 110 mg/dl und 125 mg/dl. Nun habe ich 2-3x versuche gemacht am Abend Glutenhaltige Lebensmittel (Pizza oder Nudeln,) zu essen. Das Resultat war dass der BZ auf 160-180mg/dl stieg und am nächsten Morgen immer noch auf 145 mg/dl war.

  • #2

    Andreas Ulmicher (Dienstag, 17 Mai 2016 09:21)

    Hallo!

    Was Sie eventuell mal tun sollten mit diesem Beschwerdebild: lassen Sie mal den Zustand der Bauchspeicheldrüse insgesamt untersuchen. Sie wissen ja wahrscheinlich, dass die sich in einen "endokrinen" und einen "exokrinen" Anteil gliedert. Der erste sorgt für das hormonelle Diabetes-Management, der zweite stellt Enzyme zur Verdauung bereit. Eventuell mal Amylase, Lipase, Trypsin... etc. abklären lassen. Bei der Naturheilkundefirma Meta-Fackler wurde in 2003 eine Arbeit veröffentlicht, die einen Zusammenhang zwischen der enzymatischen und hormonellen Aktivität der Bauchspeicheldrüse vermutet.

    Herzliche Grüße
    Andreas Ulmicher