Achtung, Satire: "Antidepressiva und Psychopharmaka sind gut für Euch! Ihr müsst viel mehr davon schlucken!"

Ich habe beschlossen, die Satire allerdings schon mit der Überschrift zu beenden, nicht dass noch Missverständnisse aufkommen...


Ich habe ja in diversen online-Zeitschriften schon so manchen Schmarrn gelesen. Aber vor ein paar Tagen musste ich mir wirklich die Augen reiben und mir mehrmals sagen: „Ja, das steht tatsächlich so in einem renommierten, (angeblich) seriösen online-Medium!“

 

Das Nachrichtenmagazin Focus tituliert in der online-Ausgabe vom 19.11.2015: „warum es gut ist, dass wir immer mehr Antidepressiva einnehmen!“

 

Nein, das ist tatsächlich kein Witz. Wäre dieser Artikel wenigstens am 1. April und nicht am 19. November erschienen!

 

Fakt ist: der Gebrauch bzw. Missbrauch von Antidepressiva hat in den letzten 15 oder 20 Jahren dramatisch zugenommen. Oder etwas weniger vorsichtig formuliert: er hat sich vervielfacht. Beim Lesen des Online-Artikels sollten allerdings seriöse Psychologen sowie ganzheitlich orientierte Therapeuten - Ärzte wie Heilpraktiker - Vorsorge treffen, nicht selbst Depressionen zu bekommen…

 

Der Tenor des Artikels, auf wenige Sätze reduziert, lautet: die Einnahme von Antidepressiva hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Das ist eine gute Entwicklung, wird doch das Thema „Depression“ aus der Tabu-Ecke herausgeholt. Der zweite positive Aspekt dieser Entwicklung läge an der signifikanten Reduktion von Selbstmorden und Selbstmordversuchen, so der Focus. Man resümierte aber an dieser Stelle, dass man in Deutschland nicht so ganz an dieser „positiven“ Entwicklung teilnähme. Es wird erklärt, dass die Deutschen gegenüber Psychopharmaka skeptisch sein, weil sie annehmen würden, diese würden abhängig machen. Weiter heißt es: Depressionen seien in Deutschland immer noch ein Tabu-Thema.

 

Bei manchen Online-Artikeln hat man selbst als nicht-Verschwörungstheoretiker den vorsichtigen Verdacht, die Autoren könnten eine kleine Zuwendung seitens der Pharmaindustrie erhalten haben. Speziell bei diesem Artikel gibt es auch ein Verdachtsmoment. Dieses ist allerdings keineswegs vorsichtig.

 

Erst einmal ein paar Fakten zum Thema Depression und Antidepressiva

 

Erstens: Antidepressiva verändern die Persönlichkeit und machen süchtig. Dazu brauche ich keinen Glauben, das ist eine allseits bekannte Tatsache. Es geht nicht darum, Antidepressiva zu verteufeln. Es geht vielmehr darum, abzuwägen ob sie tatsächlich benötigt werden, um Schlimmeres zu verhindern (beispielsweise einen Suizid).

 

Zweitens: prinzipiell dürfen Antidepressiva von jedem Arzt verordnet werden. Sie benötigen dazu nicht einmal eine Facharzt-Qualifikation. Ich frage mich ehrlich gesagt: wie soll ein Allgemeinarzt mit nur wenigen Minuten Zeit für einen Patienten und ohne einschlägige Tests eine Depression von einer depressiven Verstimmung oder einfach nur Traurigkeit unterscheiden können?

 

Drittens: selbst wenn tatsächlich eine Depression vorliegt, könnte die die unterschiedlichsten Ursachen haben. Zum Beispiel ganz schlicht und ergreifend Lichtmangel: Vitamin D ist wichtig für den Cholesterin-Stoffwechsel. Cholesterin wird dazu benötigt, Hormone zu synthetisieren. Liegt vielleicht noch ein anderes Problem vor, genügen die dunkle Jahreszeit und der damit verbundene Lichtmangel als „Trigger“ für eine Depression!

 

Viertens: es gibt genug Medikamente, die ihrerseits selbst eine Depression begünstigen können. Wie viele Ärzte fragen nach, welche Medikamente genommen werden? Und forschen dementsprechend erst recht nach, ob die Depression nicht auch durch bestimmte Medikamente ausgelöst werden können.

 

Fünftens: es gibt heute mehr als genug Untersuchungen und Studien, die belegen, dass die Darmflora einen nicht unerheblichen Effekt auf unsere mittel- und langfristige Stimmung hat. Im Umkehrschluss: Antidepressiva verändern Dinge am Gehirn, während das eigentliche Problem im Darm liegt - und dieser unbehandelt bleibt!

 

Sechstens: leichte bis moderate Zustände einer Depression lassen sich recht gut mit nichtrezeptpflichtigen Antidepressiva behandeln. Ich rede natürlich, wie es sich versteht, hier nicht von selbstmordgefährdeten Patienten.

 

Und natürlich siebtens: eine Depression ist selten rein endogen (stoffwechselbedingt) bzw. rein exogen (psychisch bedingt). Meist ist es eine Mischung dieser beiden Komponenten, die bei jedem Patienten in unterschiedlichen Anteilen vorliegen. Der eine hat überwiegend endogene Anteile, der andere überwiegend exogene Anteile. Der dritte hat eine ausgewogene Mischung aus beiden. Bei Menschen, bei denen exogene Anteile überwiegen, ist es in jedem Fall geboten, die Lebensumstände zu ändern und eine entsprechende psychotherapeutische Arbeit zu veranlassen!

 

Dieser Artikel hat zwei Fazits:

 

Das erste Fazit: ja, Antidepressiva können im Einzelfall wichtig sein, um Schlimmeres zu verhindern. Sie sollten allerdings unter entsprechend strenger Indikationsstellung verordnet werden. Und: Sie sollten unbedingt von einem Fachmann für psychische Erkrankungen und Depressionen verordnet werden!

 

Das zweite Fazit: nein, es ist kein gutes Zeichen, dass immer mehr Antidepressiva verordnet und geschluckt werden. Es ist ein Zeichen von Unwissen, Halbwissen, falschen Annahmen, falschen Prioritäten in unserem Medizinbetrieb, Unkenntnis der Interaktionen zwischen Stoffwechsel und Psyche und vor allen Dingen zeugt es von dramatisch zunehmenden Stoffwechsel- sowie psychischen PROBLEMEN (!!!) - und diesen Dingen sollte man auf den Grund gehen. Dieses "auf den Grund gehen" ist zwar zeitaufwändig und umständlich, da es notwendig macht, individuell auf jeden Patienten einzugehen. Aber es ist sehr notwendig. 


Nicht nur im Bezug auf Depressionen übrigens...

 

Zum Informieren (leider nur auf Englisch):

 

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18199864

 

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2719549/

 

http://archive.sciencewatch.com/inter/aut/2009/09-may/09mayTurner/

 

Mein Tipp: zögern Sie nicht, sich untersuchen zu lassen wenn Sie das Gefühl haben, dass mit ihnen auf einer psychischen Ebene etwas nicht stimmt. Sie sind nicht verrückt! Lassen Sie sich das bloß nicht einreden! Denken Sie auch immer an ihren Stoffwechsel! Nehmen Sie Medikamente ein? Haben Sie Unregelmäßigkeiten bzw. Probleme mit dem Darm (z.B. chronische Verstopfung)? All diese Dinge sind wichtig für eine Differentialdiagnostik! Forschen Sie aber auch nach Alternativen zu Antidepressiva und Psychopharmaka.

 

Und, das nebenbei bemerkt: ein guter Freund beziehungsweise eine gute Beziehung helfen manchmal auch weiter! Sie können zwar keine Diagnose stellen und keine rezeptpflichtigen Medikamente verordnen, aber sie können eines, nämlich Ihnen etwas über sich beibringen. Sollten Sie sich nach einem guten Gespräch nämlich deutlich besser fühlen, haben Sie keine Depression, sondern eine depressive Verstimmung!

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Kommentare: 2
  • #1

    Lavenia Aguinaga (Mittwoch, 01 Februar 2017 18:52)


    An intriguing discussion is definitely worth comment. I think that you need to publish more about this subject matter, it might not be a taboo matter but typically folks don't talk about such issues. To the next! Cheers!!

  • #2

    Joie Hinman (Freitag, 03 Februar 2017 01:17)


    Hi there! Do you know if they make any plugins to protect against hackers? I'm kinda paranoid about losing everything I've worked hard on. Any recommendations?