Chronische Krankheiten - einmal ganz unsentimental betrachtet

Eines vorneweg: bei dem folgenden Blogbeitrag rede ich NICHT von Erbkrankheiten. Sondern von erworbenen chronischen Krankheiten, insbesondere solchen des Stoffwechsels, des Immunsystems etc.


Mit diesem Blogeintrag werde ich mir wahrscheinlich bei so manch chronisch Krankem keine Freunde machen. Aber es ist etwas, das einfach mal gesagt werden muss.

 

Das folgende, worüber ich jetzt schreiben werde, trifft natürlich bei weitem nicht auf jeden zu. Aber da ich mich besonders intensiv mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen beschäftige, sind mir hier bestimmte Kreise aufgefallen, die offensichtlich Selbsthilfegruppen nahestehen. Und diese haben sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, sich über die Erkrankung zu besseren Menschen zu glorifizieren.

 

 Da sind „sie“ natürlich zunächst einmal viel sensibler und feinfühliger als normale Menschen. Vor allen Dingen aber sind sie ungeheuer „tapfer“, und „stark“. Sie sind trotz ihrer Sensibilität „echte Kämpfernaturen“. Nach dem Motto: „wie du damit um gehst! Ich bewundere dich ja so!“

 

Kurz um: hier machen sich Kranke selbst (gegenseitig) zu besseren Menschen.

 

Als Therapeut (und selbst ehemals Betroffener) ist man natürlich auch sehr mit dem Gegenteil vertraut

 

Auch übertriebene Selbstkritik findet man häufig im Kreise chronisch Kranker, natürlich nicht nur von Darmpatienten. Ohne dies tiefer zu beleuchten, läuft viel auf die bange Frage: „bin ich etwa schuld?“ hinaus.

 

Beide Extreme werden sowohl durch unseren politisch-gesellschaftlich-sozialen Konsensus als auch durch die Haltung unserer Medizin geradezu gefördert. Und beides ist kompletter Quatsch.

 

Warum?

 

Es ist ganz simpel: Beide Extreme der inneren Einstellung zu sich selbsthalten eine davon ab, wirklich zu kämpfen bzw. im Sinne der Krankheitsüberwindung konstruktiv tätig zu werden.

 

Ein Beispiel: vor der Diagnose, vielleicht sogar danach hat Ihnen irgend ein Therapeut gesagt: das ist zum (großen) Teil psychosomatisch

 

Eine gewisse psychosomatische Komponente mag in vielen Krankheiten vorhanden sein. Ein Therapeut sollte die allerdings im Einzelfall erkennen und vor allen Dingen deren Anteil individuell erkennen. Ansonsten könnte ein selbstkritischer Mensch wirklich auf den Gedanken kommen, „er sei schuld“!

 

Lassen Sie sich eine Sache von mir gesagt sein:

 

Wirklich schuldig wären Sie, wenn Sie bewusst versucht hätten, sich in diese Krankheit hinein zu manövrieren. Ich glaube nicht, dass irgendjemand so blöd wäre!

 

Mit der Floskel „psychosomatisch“ schiebt die Medizin einen Patienten ab bei Vorgängen, die sie nicht versteht und versucht ihn damit indirekt loszuwerden. Mit etwas Zeit und gutem Willen kann man aber durchaus erkennen, dass die „Psychosomatik“ in vielen Fällen ganz simple, stoffwechselbedingte Ursachen hinter sich hat. Natürlich nicht ausschließlich.

 

Das positive an (zu) selbstkritischen Patienten ist jedoch immerhin, dass sie nicht stehen bleiben, sondern sich von sich aus nach Lösungen umschauen. Was ich von der anderen Patientenkategorie leider nicht behaupten kann.

 

Die andere Kategorie - am anderen Ende der Skala - der Patienten, die sich über die Erkrankung zu einem besseren Menschen stilisieren, sich für besonders tapfer oder für echte Kämpfernaturen oder für besonders sensibel oder was weiß ich halten, sind in meinen Augen schlicht Wichtigtuer.

 

Eine chronische Krankheit macht Sie weder besser noch schlechter als andere Menschen

 

Eine chronische Krankheit - womöglich in jungen Jahren - ist weder ein Schicksalsschlag, noch ist es irgendetwas, dass Sie auszeichnet oder hervorhebt. Es macht sie weder besonders sensibel, noch besonders tapfer, noch macht es aus Ihnen einen „Kämpfer“ bzw. eine „Kämpferin“. Genauso wenig, wie eine chronische Krankheit Sie verrückt oder paranoid oder sonst irgendetwas macht.Klar, Sie können verrückt WERDEN, oder Ihre Persönlichkeit kann sich INFOLGE der Krankheit mittel- bis langfristig ändern.

 

Auch wenn ein gewisser genetischer Einfluss bei bestimmten Krankheiten eine Rolle spielen mag, ist dieser geringer, als es den Anschein hat.

 

Ich will nicht um den heißen Brei herumreden: eine Krankheit sagt zwei Dinge über Sie aus:

 

  •        Sie machen etwas falsch (unbewusst)
  •        in Ihrem Leben läuft etwas falsch

 

Eine chronische Krankheit hat das Potenzial, aus Ihnen einen besonderen Menschen zu machen. Aber Sie sind es nicht automatisch dadurch, nur indem Sie diese Krankheit haben! Um „besonders“ zu werden, müssen Sie „den Schub vom Arschtritt des Lebens nutzen“. Den Titel „Kämpfer“ müssen Sie sich, so wie jeder andere auch, verdienen. Nur indem man sich durch Operationen, Kuren und Rehas quält, wird man nicht zum Kämpfer. Zum Kämpfer wird man, indem man selbst gegen die Krankheit kämpft. Medizinische Allgemeinplätze infrage stellt. Sich selbst und sein bisheriges Leben genauso infrage stellt. Und schließlich den Mut beweist und das Risiko eingeht, sein Leben zu ändern. Sicher: auch wer kämpft, kann durchaus verlieren. Es gibt keine Garantie für einen Sieg. Aber wer sich selbst aufgibt - ob in falscher Selbstzufriedenheit oder durch Selbstzweifel - der hat schon verloren!

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