„Stern“-Artikel: Kann ein Heilpraktiker Krebs behandeln? (Teil 1)

Diesmal hat der deutsche Qualitätsjournalismus ja ein ziemlich schlechtes Timing an den Tag gelegt: den reißerischen Aufmacher des „Stern“, nach dem alle Heilpraktiker ja völlig ahnungslos und sowieso nur Scharlatane wären, die Hilfe suchende Patienten von vorne bis hinten abzocken und in punkto Heilung - gerade bei der Schreckensdiagnose „Krebs“ - das Blaue vom Himmel herab versprechen, zu Fußball-Weltmeisterschaft zu bringen, wo sich kein Mensch für sowas interessiert, zeugt nicht gerade von journalistischer Treffsicherheit.

 

Da ich mich aber nicht die Bohne für Fußball interessiere, mal einen kleinen Kommentar zu solchen Artikeln (ist ja nicht der einzige…)


1. Die Ausbildung

 

Heilpraktiker ist derzeit noch kein geregelter Ausbildungsberuf. Da verwundert es natürlich nicht, dass das Niveau höchst unterschiedlich ausfällt. Das ist aber auch kein Beinbruch, da Heilpraktiker sich in ihrer Vorgehensweise sehr viel weiter voneinander unterscheiden als Ärzte dies tun. Die einen (so wie ich zum Beispiel) sind relativ bodenständig und bieten verschiedene Therapien der Naturheilkunde an. Dann gibt es welche, die überwiegend mit geistigen und spirituellen Methoden arbeiten - sicher, über die Methoden kann man streiten - aber auch die finden ihr Klientel. Und dann gibt es auch Heilpraktiker, die in großen Praxen aufwändige und teure Therapien anbieten und damit Naturheilärzten recht nahe kommen.

 

Einige haben ihr Auskommen und betreiben nebenher eine kleine Praxis, weil sie Spaß daran haben. Andere müssen von ihrer Praxis leben. Aus diesem Grund sind die Unterschiede von Heilpraktiker zu Heilpraktiker sehr viel größer als von Arzt zu Arzt, und ein Heilpraktiker kann kaum durch einen anderen ersetzt werden. Was aber das Wichtigste ist: alle Heilpraktiker, die ich bisher kennen gelernt habe, zeichnen sich durch ein hohes Verantwortungsbewusstsein aus und wollen nur das Beste für den Patienten.

 

2. Über den Begriff "Heilung"

 

 

Heilsversprechen sind sowieso generell verboten. Das gilt für Ärzte genauso wie für Heilpraktiker. Der Heilpraktiker bietet, genauso wie der Arzt, verschiedene Therapien an, die im Idealfall eine Genesung vorantreiben sollen. Auch hier sind die Erfolge unterschiedlich. Das liegt in der Natur der Sache. Kein Arzt bzw. Heilpraktiker ist mit seinen Methoden 100 % erfolgreich. Wer anderes behauptet, der ist wirklich ein Scharlatan.

 

3. Über die angewandten Methoden

 

Viele Heilpraktiker wenden therapeutische Methoden an, die wissenschaftlich nicht gesichert sind. Das lässt zwei Annahmen zu. Entweder der Heilpraktiker irrt sich, und die angewandte Methode hat über den „Placebo-Effekt“ hinaus keine (Heil)Wirkung auf den Patienten.

 

Wenn es so wäre, wäre ein Heilpraktiker aber noch lange kein Scharlatan - denn er glaubt fest an die Wirksamkeit seiner Methoden. Auf welchen Effekt auch immer ein therapeutischer Erfolg beruht. Wenn ein Patient auf die Gabe eines homöopathischen Mittels nicht reagiert, in der nächsten Sitzung auf die Gabe eines anderen homöopathischen Mittels aber mit einem deutlichen therapeutischen Erfolg, wird die Argumentation mit dem „Placebo-Effekt“ schwer nachvollziehbar. Aber das steht auf einem anderen Blatt und ist nicht Gegenstand der Diskussion.

 

Die andere Möglichkeit ist, das an den angewandten Methoden durchaus etwas dran ist, dass ein therapeutischer Effekt über den Placebo-Effekt hinaus zu erzielen ist, dann ist schlicht und ergreifend die moderne Wissenschaft noch nicht so weit, diese Effekte nachvollziehen zu können. Aber dieses Problem wird die Zeit lösen.

 

4. Über Heilsversprechen

 

Ich habe den Artikel mal überflogen. Wer sinngemäß behauptet, dass er mit seinen Methoden ein „terminales“ Krebsgeschehen, also eine Krebserkrankung im Endstadium, binnen weniger Tage komplett ausheilen kann, der...na ja! Sollten Sie an so einen Therapeuten (es gibt im Übrigen auch Ärzte, die das behaupten!) geraten, dann sollten Sie vor allen Dingen eines tun: die Flucht ergreifen!

 

Der Artikel vermittelt allerdings einen völlig falschen Eindruck. Ich möchte ihn deswegen stellvertretend für unsere Zunft wie folgt korrigieren: anstelle der Aussage „Heilpraktiker sind so!“ würde ich setzen: „0,0-0,5 % aller Heilpraktiker sind so!“ Das ist ungefähr genauso, als würde man allen Ärzten unterstellen, sie würden ihre Patienten bewusst vergiften wollen. Lachen Sie nicht, es gibt wirklich Seiten, die das behaupten. Da ich etliche Ärzte kenne, muss ich dem widersprechen. Auch (fast) alle Ärzte wollen grundsätzlich das Beste für ihre Patienten.

 

5. Über das Verhältnis von Leistung zu Bezahlung

 

Die Vorstellungen darüber sind ja sehr unterschiedlich. Es gibt Therapiemethoden, die einen sehr hohen finanziellen Einsatz auch vom Therapeuten erfordern - beispielsweise entsprechend teure medizinische Geräte. Ich habe die in meiner Praxis nicht und bin, wie gesagt sehr bodenständig. Daher halte ich einen Stundensatz von 60 € für angemessen. Es mag Therapien geben, die einen Stundensatz von 120, 200 oder vielleicht auch mal 300 € erfordern. Wenn jemand allerdings für eine „spirituelle Anwendung“ einen Stundensatz von 500 € fordert, dann gilt für ihn oder sie dasselbe wie bereits unter Punkt vier gesagt…

 

(Wird im nächsten Blogbeitrag fortgesetzt…)

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