Stilblüten aus Arzt- und Heilpraktikerpraxen

In meiner Freizeit lade ich mir manchmal “spaßeshalber” oder auch nur aus Neugierde Medizinerwissen oder auch Prüfungsfragen für Medizinstudenten aus dem Internet runter und teste mich selbst. Neidfrei zugegeben: was die Lernen und können müssen, ist für einen medizinischen Laien wie mich schon beeindruckend.

Um so mehr wundern mich allerdings ärztliche Aussagen gegenüber Patienten, die diese in meiner Naturheilpraxis wiedergeben, wie zum Beispiel diese:

“Die Gallenblase ist ein Urzeitrelikt und wird heute überhaupt nicht mehr gebraucht!” (als Information für die Patienten vor der Entfernung derselben).

Aha. (Patientin klagte über chronische Durchfälle seit der Entfernung der Gallenblase).

Hm, wollen wir den Halbgott in Weiß vielleicht einmal aufklären: Die Gallenblase ist ein Speicherorgan mit der Funktion, dafür zu sorgen, dass deren zur Aufspaltung von Lipiden vorgesehene Gallensäure bedarfsgerecht in den Zwölffingerdarm abgegeben wird. Bedarfsgerecht heißt: immer dann, wenn da was “fettiges” vorbeiläuft.

Ohne Gallenblase werden kontinuierlich geringe Mengen an Gallensäure in den Zwölffingerdarm abgegeben. Findet gerade keine Verdauung statt, geht diese ungenutzt flöten, bei erhöhtem Speisebreiaufkommen im Duodenum hingegen ist die Menge nicht ausreichend, um Lipide aufzuschließen und mit ihnen fettlösliche Vitamine einer geregelten Aufnahme durch die Darmschleimhaut zuzuführen. Kleiner Nebeneffekt: die freien, ungenutzten Gallensäuren werden im Endbereich des Dünndarms nicht dekonjugiert, können daher nicht über den “enterohepatischen Kreislauf” zurückgewonnen werden und gehen dem Körper verloren, d.h. rinnen ungenutzt durch den After in die Außenwelt. Die Reizung der Dickdarmschleimhaut ist verantwortlich für chronische Durchfälle, als Langzeiteffekt ergeben sich verschiedene sekundäre Mangelerscheinungen und Nährstoffungleichgewichte, die sich in Haarausfall, stumpfer, gräulicher Haut, rissigen Nägeln, eventuell Aphten und Hauteinrissen, hormonellen Fehlfunktionen und Immunschwäche bemerkbar machen. SIC!

Also, ist der kleine Beutel doch zu was gut.

Klasse fand ich auch den hier:

Patient, ca. Ende 40, soll die Schilddrüse wegen einer “blanden Struma” entfernt bekommen. Blande Struma ist fachchinesisch für: “da ist irgendwas geschwollen, aber wir können außer der Schwellung nichts Krummes nachweisen!” Dummerweise würden dabei auch die Nebenschilddrüsen mit draufgehen. “Nicht so wichtig!” meinte der Arzt und kreuzte auf dem Überweisungsschein an den Chirurgen “kurativ” an – bedeutet: “wir haben einen Befund, und das Ding muss raus!”

Vielleicht hätte den studierten Mediziner mal jemand aufklären sollen, dass diese winzigen (ungefähr linsengroßen) Hormondrüsen große Teile des Kalzium- und Knochenstoffwechsels im Körper koordinieren, und ihr Fehlen zu stark erhöhtem Kalziumabbau in den Knochen führt?

Ca. 80% aller Patienten, die bei mir neu aufschlagen, lassen bei der Erstanamnese, vor allen Dingen bei der Frage nach vorangegangenen chirurgischen Eingriffen, solche Geschichten vom Stapel.

So viel geballte Kompetenz verschlägt mir oftmals die Sprache, aber keine Bange: manche Heilpraktiker können das genauso gut…

Besonders anfällig für Stilblüten ist das in Naturheilkreisen beliebte Thema “Säure-Base-Haushalt”. Immer wieder gehört: “90% aller Menschen in Deutschland sind übersäuert” und: “Wir müssen Ihren Körper wenigstens auf pH 8,0 bringen, um beim Kampf gegen den Krebs erfolgreich zu sein!” (heiliger Hahnemann, wie will der DAS denn anstellen???).

Kleine Korrektur meinerseits:

Wer “Übersäuert”, der landet auf der Intensivstation. Eine mögliche Art, zu “übersäuern” ist das diabetische Koma. Mit der Gesundheit in diesem Lande steht es nicht zum Besten, allerdings befinden sich noch keine 90% der Bevölkerung auf der Intensivstation.

Menschen, die mit chronischen Krankheiten von A wie Arthrose bis Z wie Zipperlein in der Naturheilpraxis aufschlagen, sind nicht übersäuert, sie haben ein Problem mit dem Säure-Base-Gleichgewicht! Merke: wenn an einem Ende der Gleichung eine Säure steht, steht am anderen Ende immer eine Base (Lauge). Ist in der Chemie so, ist beim Menschen auch so: irgendwo bleiben die Elektronen beim Produzieren von Gastrin, die lösen sich nicht in Luft auf.

Der Säure-Base-Wert (pH-Wert) des Blutes ist in aller Regel konstant zwischen 7,35 und 7,45 (das ist schwach basisch). Und wenn irgendwo im Körper was sauer ist, muss auf der anderen Seite auch was basisch sein. Ist das Bindegewebe saurer, sind wahrscheinlich dafür die Schleimhäute basischer, und umgekehrt.

Wäre es anders, würden Säureblocker für den Magen ja plötzlich überall Sinn machen (aus meiner eigenen Praxiserfahrung kann ich sagen, dass die Säureblocker meist mehr kaputt machen als verbessern).

Ich persönlich setze Basenpräparate in der Praxis nur sehr selten ein, und finde, dass man auch als Heilpraktiker genau darauf achten sollte, nicht unkritisch irgendwelche naturheilkundlichen Allgemeinplätze zu übernehmen.

 

Andreas Ulmicher