Mal was zum Thema Sekten und psychische Gesundheit
Ich bin heute von einem Bekannten gefragt worden, was denn Sekten und insbesondere die Scientology mit Menschen machen, beziehungsweise wie diese in die Abhängigkeit getrieben werden.
Natürlich kenne ich Scientology nicht genau, aber ich kenne die Prinzipien, die hinter dieser und ähnlichen Sekten stehen, denn im Laufe meines Lebens haben schon so einige Sektierer versucht, mich von ihren “einzig wahren” Wahrheiten zu überzeugen. Ich habe also geantwortet: “Eine Sekte wie Scientology verleiht dir oberflächlich Macht und Freiheit und macht dich auf einer tieferen Ebene abhängig.”
Sie arbeitet über die heimliche Unzufriedenheit, “Durchschnitt” zu sein. Daher sind Personen mit Komplexen besonders anfällig für ihre Ideologie. Der Zündfunke der Botschaft ist: “Wir können Dir zeigen, wie Du Dein Leben verbesserst, indem Du über Dich (und andere…) hinauswächst!” damit spricht die Sekte auf tieferer Ebene die menschliche Eitelkeit an. Eitelkeit ist aber eine Folge von Minderwertigkeitsgefühlen. Besonders der, der unzufrieden ist, ein “durchschnittliches Dasein” zu führen, ist für die Ideologie der Sekte besonders anfällig.
Wenn Sie jemanden erst einmal “haben”, setzen Sie ein (nicht unintelligentes) Persönlichkeitstraining und gewisse Aspekte der Psychologie ein, die der Persönlichkeit mehr Charisma verleihen und mehr Energie “vorgaukeln”. Gleichzeitig setzen Sie aber darauf, einem immer klarzumachen, dass “noch viel mehr möglich ist” und dass man “noch viel weiter kommen kann”.
Doch ihre Psychologie bearbeitet bewusst NICHT den Aspekt der inneren Unzufriedenheit mit sich selbst, auch wenn man allmählich über andere hinauswächst. Denn durch diese Unzufriedenheit wird der “Klient” bei der Stange gehalten…und gerät auf der Suche nach MEHR zunächst subtil, dann immer dramatischer in eine Abhängigkeit von seinen Tutoren / Ausbildern / Lehrmeistern. Und dann kommt das Paradoxe daran: je mehr man erreicht, um so größer wird die Unzufriedenheit. Man wird auf ein großes Ziel, ich nenne es mal “totale Meisterschaft über sich selbst und sein Leben” hin indoktriniert, und es wird immer wieder darauf hingewiesen, welche Stufen man noch überwinden muss, um dieses Ziel zu erreichen. Während nach außen hin größere “Freiheit” erreicht wird – Überwindung von Süchten, mehr Geld, Erfolg, Karriere, werden nach innen die Unfreiheiten und Abhängigkeiten immer größer – und zwar auf einer tiefen, subtilen, psychologischen Ebene.
So funktioniert es bei vielen Sekten, die ich kenne. Scientology ist eine davon, aber bei anderen Sekten ist das Schema ähnlich.
Die große Frage ist dahinter ist immer: “Ist das Esoterik?” Beziehungsweise: sind diese Sekten mit esoterischen Geheimlehren gleichzusetzen?
Klare Antwort: NEIN.
Dass Sektierertum so häufig mit Esoterik verwechselt wird, liegt daran, dass die meisten sich völlig falsche Vorstellungen von Esoterik machen und sich einbilden, beispielsweise “positives Denken” habe etwas damit zu tun. (S. auch mein Blogeintrag: “Sprechen Sie esoterisch?). In Wirklichkeit handelt es sich um eine pervertierte Form von Esoterik.
Sekten-”Esoterik” macht nach außen hin großartig und frei und nach innen gefangen und abhängig,
echte “Esoterik” versucht, nach innen frei zu machen – durch Loslassen und Gleichmut – und kümmert sich nicht um das, was “außen” ist. Äußerer Erfolg wird unwichtig wenn innere Zufriedenheit = Frieden erreicht ist. Das heißt nicht, dass er dann ignoriert wird, sondern, dass es akzeptiert wird, wie es kommt. Wenn diese Haltung erreicht wird, ist auch Freiheit da. Und ist diese Haltung da, kann man unmöglich ein Opfer von Sekten werden.
Klar können aus Scientologen erfolgreiche Topmanager, Schauspieler und Spitzensportler werden, alles gut und schön. Aber werden sie auch zufrieden?
Andreas Ulmicher